Review
| Verflucht normal |
| Land/Jahr: GB 2025 |
| Genre: Drama / Biografie |
| Regie: Kirk Jones |
| Darsteller: Robert Aramayo Peter Mullan Maxine Peake Shirley Henderson |
| FSK: ab 12 Jahren |
| Dauer: 121 Minuten |
| Kinostart: 28. Mai 2026 |
| Label: Central Film |
Eigentlich war John Davidson ein ganz gewöhnlicher, intelligenter Junge. Seine Schulkameraden akzeptierten ihn, im Fußballverein überzeugte er mit herausragenden Leistungen als Torwart. Bis sich eines Tages etwas veränderte. Plötzlich begannen unkontrollierte Tics, immer wieder litt er unter unbeabsichtigten Zuckungen seiner Kopf- und Halsmuskulatur. Fest davon überzeugt, es handele sich nur um ein Stresssymptom, das mit etwas Ruhe schon wieder verschwinden würde, stieß er dabei auf zunehmendes Unverständnis. Mit Unterstellungen, er würde sich absichtlich so daneben benehmen, gab es Schläge von den Lehrern, Mobbing der Mitschüler und verständnislose Reaktionen seiner Eltern. Doch die Besserung trat nicht ein. Die Symptome wurden schlimmer, zu den Tics kamen noch unkontrollierte verbale Äußerungen hinzu – und damit schon bald auch Situationen, die John ernsthaft in Gefahr bringen. Denn: John leidet unter Tourette. Und Tourette kannte in den 70er Jahren noch niemand…
Kritik:
Dramen über das Tourette-Syndrom gibt es bisher nur sehr wenige. Neu ist dabei auch, eine reale Geschichte zu verfilmen: „Verflucht normal“ handelt nämlich von John Davidson, einem realen schottischen Aktivisten, der mit seinen Kampagnen über das Tourette-Syndrom aufklären möchte. Seine Filmbiografie begleitet seinen Lebensweg zwischen Kindheit und Aktivismus.
Tourette-Syndrom in den 70ern
Die realen Ereignisse und Erinnerungen schaffen dabei gleich zu Beginn ein passendes Setting. Davidson ist aufgewachsen in den 1970er Jahren, als die Gesellschaft über das Tourette-Syndrom noch in keinster Weise aufgeklärt war. Die Handlung des Films also mit der Kindheit von John Davidson genau in dieser Zeit anzusetzen, sorgt bereits für hochemotionale Szenen. In der Schule gab es für schlechtes Benehmen noch Schläge mit dem Stock, am Essenstisch musste noch still gesessen werden und ein relativ autoritärer Erziehungsstil war durchaus noch gebräuchlich. Eine Herausforderung mit dem Tourette-Syndrom, das aus unkontrollierbaren Tics, Flüchen und Beleidigungen besteht – in einer Zeit, in der Menschen noch dachten, Betroffene machen dies absichtlich. Bei den gezeigten Demütigungen aus Essen auf dem Boden oder Schlägen vom Schuldirektor brauchen selbst abgehärtete Kinozuschauer manches Mal ein Taschentuch, denn: „Verflucht normal“ geht vor allem in diesen Szenen heftig nah.
Hochauthentisches Schauspiel
Dafür sorgt auch Hauptdarsteller Robert Aramayo, der für die Vorbereitung auf seine Rolle ziemlich viel Zeit mit dem echten John Davidson und anderen Menschen mit Tourette-Syndrom verbracht hat. Seinen schauspielerischen Leistungen in „Verflucht normal“ hat das erheblich genützt: Die Darstellung der Tics ist so authentisch und realitätsnah getroffen, dass wir glatt recherchieren mussten, ob Aramayo wirklich nicht selbst über das Tourette-Syndrom verfügt. Die Nähe zur Figur, seinen Erlebnissen und Erfahrungen, aber auch seinen starken Herausforderungen entpuppt sich in vielen Szenen als oscarreif – und zwar spätestens im Umgang mit seinem familiären Umfeld, aber auch Gewaltsituationen, ausgelöst durch seine Krankheit. Aramayo ist zweifelsfrei die Optimalbesetzung in diesem Film – der mit einer glaubwürdigen Ernsthaftigkeit, aber auch dem zu Behinderungen passenden Humor an seine Rolle heran geht.
Spagat zwischen Normalität und Krankheit
Besonders gelungen ist dabei auch jener Zeitspann, den „Verflucht normal“ für seine Geschichte gewählt hat. Die Einführung in den Charakter der Figur erfolgt schließlich bereits in der Kindheit, vor dem Auftreten der ersten Symptome. Die Darstellung der Figur vor der Krankheit, als „normaler“ Mensch ohne Ausfälle und Tics, sorgt für Verständnis und Sympathien beim Publikum. Es hilft dem Zuschauer, hier erst einmal nur den Menschen mit seinen persönlichen Charaktereigenschaften, Interessen und Hobbies zu sehen, bevor die Krankheit und dessen Symptomatik so vordergründig wird, dass es den Betroffenen definiert. Zwischen der herausragenden Darstellung der Tics auch immer wieder „normale“ Momente ohne Krankheitssymptome zu zeigen, schafft letztendlich jene Nähe zur Figur, die „Verflucht normal“ überhaupt so emotional intensiv werden lässt. Ein großartiges britisches Drama, das die Thematik kaum besser hätte umsetzen können.
Fazit:
Mit seiner hochemotionalen Nähe zur Hauptfigur und den beeindruckenden schauspielerischen Leistungen von Robert Aramayo, der das Tourette-Syndrom extrem authentisch und realitätsnah darstellt, entpuppt sich „Verflucht normal“ nicht nur als einfühlsamer und sensibler Film, sondern auch als dramaturgisches Meisterwerk. Ein Geheimtipp zwischen den zahlreichen Blockbustern.