Girl - Kritik – Virtual DVD Magazine
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    Girl

    Girl


    Land/Jahr:
    B / NL 2018
    Genre:
    Drama
    Regie:
    Lukas Dhont
    Darsteller:
    Victor Polster
    Arieh Worthalter
    Angelo Tijssens
    FSK:
    ab 12 Jahren
    Dauer:
    106 Minuten
    Kaufstart:
    22. Februar 2019
    Label:
    DCM Film

    Die 15-jährige Lara hat in ihrem noch jungen Leben bereits einen ungewöhnlichen Weg hinter sich. Schon früh hat sie festgestellt, dass sie offenbar im falschen Körper geboren wurde und noch immer schämt sie sich dafür, ursprünglich eigentlich ein Junge zu sein. Die Hormonbehandlung wurde zwar bereits gestartet, doch die endgültige Geschlechtsumwandlung lässt noch länger auf sich warten. Erschwerend kommt hinzu, dass ihr die Pubertät umso mehr zu schaffen macht. Die ersten Kontakte zum anderen Geschlecht sind schließlich umso schwieriger, wenn man sich für den eigenen Intimbereich schämt. Und dann ist da ja auch noch der Schulalltag auf einer Tanzschule, auf der sie voller Leistungsdruck zu einer Ballerina ausgebildet werden möchte…

    Kritik:
    Transsexualität ist seit einigen Jahren ein durchaus großes Thema bei Filmemachern und nicht selten auch ein Garant für große und wichtige Preise. Erst im vergangenen Jahr konnte schließlich Eine fantastische Frau den Oscar für den besten fremdsprachigen Film abräumen. Dafür reichte es bei „Girl“ zwar nicht, trotzdem war aber auch dieses Drama ein echter Hit auf den großen Filmfestivals. Bei einer solch einfühlsamen Darstellung allerdings auch kein Wunder.

    Mädchen oder Junge? Völlig egal
    Tatsächlich stellt sich nämlich bereits die Wahl der Darsteller bei diesem belgischen Drama als überaus gelungen heraus. In der Hauptrolle sehen wir den jungen Victor Polster, der es mit seinem eher feministisch-androgynen Erscheinungsbild dem Publikum schon in den ersten Minuten schwer macht, das Geschlecht der Hauptfigur unterscheiden zu können. Bekleidet kaufen wir der jungen Lara tatsächlich problemlos ab, dass es sich um ein Mädchen handeln muss. Erst die ungewöhnlich tiefe Stimme und diverse intime Einblicke machen die Situation dann deutlich. Doch auch hier punktet „Girl“ mit seiner extremen Einfühlsamkeit und Sensibilität: Das Schamgefühl der transsexuellen Lara fängt der Film eindrucksvoll ein. Der schamvolle Blick vor dem Spiegel, das Abkleben des Penisses, damit sie beim Ballett auch wirklich nicht für einen Jungen gehalten wird und die Schwierigkeit der eigenen Akzeptanz.

    Emotionen statt Konflikte
    Im Mittelpunkt steht also tatsächlich die Psyche der Hauptfigur und die Problematik, den eigenen Körper zu akzeptieren. Unterschwellig lässt „Girl“ dabei durchaus einen psychologischen Hintergrund der Transsexualität offen, bleibt dabei aber lieber nah bei der Hauptfigur, statt ein Urteil zu fällen. Über Ursache und Wirkung und die Frage danach, ob psychische Probleme zuerst da waren oder erst durch die äußeren Umstände der Geschlechtsumwandlung entstehen, soll der Zuschauer schließlich selbst nachdenken. Das verleiht dem Film eine angenehme Natürlichkeit, die es jedem Zuschauer ermöglicht, sich in die Hauptfigur hineinzuversetzen und mitzufühlen. Gleichzeitig verzichtet „Girl“ damit auf Klischees, denn eine Überdramatisierung äußerer Konflikte suchen wir vergeblich. Die Probleme von Lara sind schließlich nicht primär die Reaktionen der Umgebung, sondern die eigene innere emotionale Situation – die eben auch dann problematisch sein kann, wenn das Umfeld noch so tolerant scheint. Regisseur Lukas Dhont verleiht seinem Film damit eine erfrischend innovative Perspektive, die größtenteils ohne Demütigungen und Gewalt auskommen kann.

    Dramatik nur im Kopf
    Der fast gänzliche Mangel äußerer Konflikte kann andererseits aber leider auch zu einem Problem werden, denn während Auseinandersetzungen für gewöhnlich eine gewisse Eigendynamik entwickeln, entstehen durch die etwas introvertierte Darstellung leider auch ein paar Längen. Wenn sich Lara nämlich gerade nicht mit ihren eigenen Problemen auseinandersetzt, besteht ihr Alltag größtenteils aus dem Unterricht an der Tanzschule. Das alleine wiederum reicht aber oftmals nicht aus, um das Publikum über lange Strecken hinweg zu fesseln. Fehlen negative Reaktionen der Mitschüler komplett und bleibt der Alltag insgesamt konfliktfrei, kann die Handlung über gewisse Strecken hinweg auch langweilig erscheinen. Insgesamt ist das aber gewollt und eine durchaus mutige Entscheidung, denn Dhont möchte eben vor allem einfühlsam auf die Perspektive der betroffenen Transsexuellen eingehen, ohne dessen Gefühlslage durch die Emotionen Dritter zu überlagern. Und vielleicht ist „Girl“ damit sogar einer der besten Filme, die sich mit eben diesem Thema auseinandersetzen. Ein absoluter Geheimtipp.

    Fazit:
    Durch den Verzicht auf äußere Konflikte über einen Großteil der Laufzeit hinweg und eine starke Konzentration auf die Psyche und die emotionale Lage der transsexuellen Hauptfigur wird „Girl“ zu einem erfrischend innovativen und äußerst einfühlsamen Drama, das die Thematik so sensibel behandelt, wie kaum ein anderer Film.

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