Eine fantastische Frau - Kritik – Virtual DVD Magazine
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    Eine fantastische Frau

    Eine fantastische Frau


    Land/Jahr:
    Chile / D 2017
    Genre:
    Drama
    Regie:
    Sebastián Lelio
    Darsteller:
    Daniela Vega
    Francisco Reyes
    Luis Gnecco
    FSK:
    ab 12 Jahren
    Dauer:
    100 Minuten
    Kaufstart:
    2. März 2018
    Label:
    Piffl Medien

    Marina und Orlando lieben sich und sind deshalb schon seit geraumer Zeit ein Paar. Nachdem der 20 Jahre ältere Partner längst seine Familie verlassen hat, planen die beiden bereits, endlich zusammenzuziehen. Das hat allerdings einen Grund, denn an Akzeptanz bei Orlandos Familie mangelt es schon seit Anbeginn ihrer Beziehung. Marina ist nämlich eine Transsexuelle. Nicht gerade einfacher wird es für sie, als eines Nachts plötzlich Orlando an einem Herzinfarkt stirbt. Für Marina bricht eine Welt zusammen, sie ist von der Trauer völlig überwältigt. Doch schon bei den Planungen für die Trauerfeier ist sie mit ständiger Ablehnung und Demütigung konfrontiert, die bis hin zu gewalttätigen Auseinandersetzungen führt. Für Marina beginnt damit ein Kampf um Akzeptanz, ihre Identität und das Recht auf Trauer…

    Kritik:
    Bei der Oscar-Verleihung war die Auszeichnung von „Eine fantastische Frau“ schon eine kleine Sensation. Nicht deshalb, weil mit diesem Streifen ein Transgender-Drama mit transsexueller Hauptdarstellerin ausgezeichnet wurde, sondern vor allem auch, weil zum ersten Mal ein Oscar ins ferne Chile ging. Immerhin ist das Drama zugleich auch ein ganz spezielles Werk.

    Distanz und Liebe
    „Eine fantastische Frau“ gehört nämlich zu all jenen Filmen, die in den ersten Minuten durchaus etwas abschrecken können. Der Film von Regisseur Sebastian Lelio lässt es nämlich gerne langsam angehen und präsentiert sich in den ersten Szenen zunächst ein wenig bieder und zäh. Viel zu distanziert wirkt Hauptdarstellerin Daniela Vega, weil sie zu diesem Zeitpunkt einfach noch nicht die starke Emotionalität hervor bringt, die man von einer Hals über Kopf verliebten Frau – ob nun transgender oder nicht – erwarten würde. Lässt sich der Zuschauer darauf ein, erfährt er nach und nach, dass das durchaus seine Gründe hat und dass das chilenische Drama letztendlich gerade mit dieser bei genauerem Hinsehen völlig natürlichen und nachvollziehbaren Distanz besonders stark punkten kann. Denn eines ist schließlich klar: Jemand, der in der Öffentlichkeit nahezu ununterbrochen mit Demütigungen und Ablehnung konfrontiert ist, der scheut sich nun einmal davor, seine Gefühle allzu offen auszuleben.

    Kampf gegen Windmühlen
    Und spätestens, wenn man das herausgefunden hat, weil man der anfänglichen Distanz des Streifens eine Chance gegeben hat, wird „Eine fantastische Frau“ zu einem dieser Dramen, bei denen man spätestens zur Hälfte des Films optimalerweise schon eine Packung Taschentücher bereitliegen hat. Die Transsexualität der Hauptfigur wird nämlich keineswegs zum Selbstzweck und Lelio vermeidet es zu jedem Zeitpunkt, seinem Drama einen wertenden Charakter zu verpassen. Hat man hier befürchtet, es könnte sich lediglich um einen „Quoten-Oscar“ für möglichst ausgeprägte politische Korrektheit handeln, kann an dieser Stelle Entwarnung gegeben werden. „Eine fantastische Frau“ verzichtet gänzlich darauf, die Sexualität der Hauptfigur als gut oder schlecht zu propagieren und überlässt dem Zuschauer selbst die Wertung. Aufgesetzt wirkende Hinweise etwa darauf, dass Transsexualität ja schließlich ganz natürlich sei und anerkannt gehöre, wird man in diesem Streifen fast schon überraschenderweise nicht finden.

    Mitten aus dem Leben
    Stattdessen fokussiert sich Sebastian Lelio eher auf seine Hauptfigur und lässt dabei seine Bilder sprechen. Erzählerisch bleibt „Eine fantastische Frau“ zu jedem Zeitpunkt sehr nah bei Marina und erzählt sehr einfühlsam ihre Begegnungen mit ausgrenzenden Mitmenschen. Meisterlich sind dabei Szenen, in denen sie nach dem Tod ihres Partners einer Kommissarin begegnet, die jegliche medizinische Fakten ignoriert und von einem Gewaltdelikt ausgeht, einfach nur weil es sich bei der Hinterbliebenen um eine Transsexuelle handelt. Oder wenn einer der Polizisten darauf besteht, ihren früheren männlichen Namen zu verwenden, weil ihre Geschlechtsänderung schließlich gesetzlich längst nicht anerkannt wurde. Noch eindringlicher dann, wenn die Familie ihres Geliebten sie gar von der Beerdigung ausschließen will – und sie dabei auf regelmäßige, gelegentlich handgreifliche Verachtung stößt. Daniela Vega gelingt es dabei fantastisch, die im Innern angestaute Wut mit ihrer Mimik zum Ausdruck zu bringen. Aber auch die Scham, wenn sie sich einer medizinischen Untersuchung auf Grund der Gewaltunterstellungen ausgesetzt sieht. Und spätestens jetzt kann man die Distanz, das ständige Hineinfressen der eigenen Gefühle, mehr als nur nachvollziehen. Und dafür gab es dann auch völlig zurecht einen Oscar als „bester fremdsprachiger Film“.

    Fazit:
    Einfühlsames und aufwühlendes Transgender-Drama, das entgegen vieler Befürchtungen auf eine Wertung oder gar eine aufgesetzte politische Korrektheit verzichtet und sich stattdessen auf die Emotionen und Begegnungen seiner Hauptfigur fokussiert. Dafür gab es zurecht einen Oscar.

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