Mülheim an der Ruhr: Abschied vom Castle Rock FestivalAuch für die Bands war das ein besonderer und zugleich trauriger Anlass. Die meisten von ihnen verbindet eine lange Geschichte mit dem Castle Rock Festival und waren in den vergangenen 25 Jahren immer wieder im Line Up mit dabei. Da hat man vielen Acts natürlich angemerkt, dass sie hier noch einmal so richtig Vollgas geben wollen und abrocken “bis der Arzt kommt”. Für jene, die es nach der Arbeit recht früh auf das Festival schafften, gab es bereits um 16 Uhr ordentlichen Gitarrensound auf die Ohren, denn der erste Festivaltag stand ganz im Zeichen des Metal. Als Opener konnten Die Legende von Nord bereits mit ihrem Heavy Metal das Publikum gut einheizen – und die Stimmung passend für die nächsten Bands vorbereiten.

Schneewittchen in schwarz: Snow White Blood überzeugen mit engelsgleichem Dark Symphonic Metal
Mit Snow White Blood und ihrer engelsgleichen Stimme kamen nämlich gleich danach die Fans des Dark Symphonic Metal voll auf ihre Kosten. Fast schon wie eine “schwarze Schneewittchen” begeisterte sie das Publikum, um sich gesanglich irgendwo neben Nightwish und ähnlichen Genre-Bands einzuordnen. Später konnte man sich über die Umstände des Auftritts von The Other zwar streiten, schließlich gingen sie als Ersatz für Elli Berlin an den Start, die wegen politischer Vorwürfe nicht mehr auf dem Festival vertreten waren. Ihr Horrorpunk hat aber schon seit vielen Jahren zahlreiche Fans auf dem Festival und begeistert seit je her die Besucher des Caslte Rock. Dazu tragen auch die aufregenden Vampir-Outfits bei, mit denen sie ihren Sound auch noch optisch verstärken.
Bei den beiden Headlinern des ersten Tages kamen dann zwei der beliebtesten Bands der Szene auf die Bühne. Die Mittelalter-Rockband Tanzwut rund um Sänger “Teufel” mit seiner typischen teufel-artigen Frisur ist gerade aus der Mittelalterszene kaum mehr wegzudenken. Nachdem sie im vergangenen Jahr auf einem anderen Festival bewiesen, dass sie sogar bei Stromausfall spontan unplugged weiterspielen können, verwundert es kaum, dass sie auch auf dem Castle Rock entsprechend abliefern. Das gilt aber natürlich auch für Nachtblut, die mit etwas derberen Texten begeistern und insbesondere in der ersten Reihe einige weibliche Fans versammelten. Die liefern nicht nur mit ihrem harten Sound und dem speziellen Gesang, sondern beherrschen auch optisch die Darstellung des Vorzeige-Gruftis perfekt. Eigentlich hätte Sänger Askeroth die viele Schminke im Gesicht gar nicht nötig, um gruselig und respekteinflößend zu erscheinen.

Ersatz für Elli Berlin: The Other begeistern seit Jahren mit ihrem Horrorpunk
Der zweite Festivaltag ging dann deutlich länger und startete bereits früh um 12 Uhr mittags. Nachdem es sich dann erst langsam füllte, überzeugten zu Beginn insbesondere Eigensinn und Wisborg mit den ersten beiden Auftritten. Spätestens mit Heimataerde füllte sich dann auch der Innenhof des Schloss Broich zunehmend, konnte die Band schließlich einige Fans anlocken. Kein Wunder, verkleidet als Templer liefern sie einen einzigartigen Mix aus Mittelaltermusik und Electro und bieten damit einen Sound, den man so bei keiner anderen Band zu hören bekommt. Das passende Wein-Ritual auf der Bühne und das gemeinsame (eher spaßige) Gebet ist da natürlich obligatorisch.
Bei Sagenbringer, die zum ersten Mal auf dem Castle Rock mit dabei waren, war dann offenbar aber auch Heimataerde-Sänger Ashlar von Megalon ziemlich neugierig, denn der verbrachte die meiste Zeit im Publikum. Schnell waren wir uns mit ihm dann natürlich einig: “Der Metdrache ist sehr wichtig”. Sagenbringer, die nordische Sagen aus Sylt mitbringen (ja, sowas gibt es da), singen schließlich insbesondere von derartig wichtigen Dingen. Bei ihrem Pagan Metal hatten dann auch die ersten Besucher schon Lust auf einen Circle Pit und versprachen damit einen energiegeladenen Nachmittag.

Die Templer von Heimataerde heizten mit ihrem einzigartigen Mittelalter-Electro ein
Letztendlich sollte es dann natürlich auch erst einmal mittelalterlich bleiben, denn auch Haggefugg lieferten überzeugenden Mittelalter-Rock. Die Spielmänner aus Köln sind längst keine Unbekannten in der Szene mehr und konnten mit spannenden Lyrics punkten, die überwiegend an die Klischees des typisch mittelalterlichen Marktsprechs erinnern. Zum Abschluss des Abends wurde es dafür dann aber immer metal-lastiger: Schon die Supergroup All for Metal, die sich aus Künstlern anderer Bands zusammensetzt und gerne einmal mit dem obligatorischen Sixpack auftritt, heizt bekanntlich gewaltig ein. Trotz einiger personeller Veränderungen (so ist etwa Jasmin Pabst nicht mehr an Bord) machen die gitarrenlastigen, harten Auftritte dann doch ziemlichen Spaß.
Zu guter Letzt bei den beiden Headlinern dann aber deutlich ernsthafter: Bei Crematory gibt es keine Albereien, keine Kostüme und keinen Blödsinn. Hier wird geradliniger Gothic-Metal abgeliefert, wie die Fans ihn leben. Schnörkellos, ohne Geplänkel und noch nicht einmal alle Bandmitglieder im Gothic-Schwarz. Muss ja auch nicht sein: Wer musikalisch abliefert, der braucht keine große Show. Und das haben sie definitiv.

Headliner Lord of the Lost verbindet eine langjährige Geschichte mit dem Festival – bereits vor dem ESC
Als Headliner kann aber am Ende natürlich nur noch eine Band auftreten: Lord of the Lost sind seit ihrem Auftritt beim Eurovision Song Contest kaum noch aus der schwarzen Szene wegzudenken und stehen zurecht auf der Position des Headliners. Für Frontmann Chris Harms war das letzte Castle Rock ein besonderer Auftritt, denn eine langjährige Geschichte verbindet die Band mit dem Festival. Veranstalter Michael Bohnes hat an die Band offenbar schon geglaubt, als sie sonst noch niemand kannte und sie noch einen der ersten Slots erhielten. Lange vor dem ESC waren Lord of the Lost bereits fester Bestandteil des Castle Rock Festival. Dass Chris daher auch ein Geschenk für den Veranstalter dabei hatte, versteht sich von selbst. Gleichzeitig haben sie ein so hartes und intensives Set gespielt, als würden sie auf diesem Event um ihr Leben spielen. Wer bisher noch nicht Fan von Lord of the Lost war, ist es vermutlich nach ihrem Auftritt auf dem Castle Rock geworden.
Ein paar letzte Worte durften von Veranstalter Michael Bohnes aber natürlich nicht fehlen. Er bedankte sich beim Publikum noch einmal für all die Jahre und all die Erfahrungen und stellte letztendlich auch die zahlreichen Mitarbeiter auf der Bühne vor, die bereits seit 25 Jahren fest an seiner Seite stehen, um die Veranstaltung zu begleiten. Dass es auch ihm alles andere als leicht fiel, dieses Event zu beerdigen, wurde da schnell klar. Wie besonders dieses für alle anderen ist, zeigten dann einige Fotografen, die nicht nur ein paar Abschiedsworte parat hatten, sondern ebenfalls ein Abschiedsgeschenk mit auf die Bühne brachten. Eine solche Verbindung zwischen Veranstalter, (Presse)Fotografen, Publikum und allen Beteiligten ist bei einem Festival wahrlich eine Seltenheit. Und auch das hat das Castle Rock über so viele Jahre so besonders gemacht.
Fotos: Rene Daners