Kinky Boots: Das Cindy Lauper Musical begeistert OberhausenGanz so “verrucht” und “pervers”, wie der Titel vermuten mag, ist das Musical dann aber tatsächlich doch nicht. Stattdessen handelt die Geschichte vom Sohn des Inhabers einer Schuhfabrik. Als dessen Vater verstirbt, muss er das Unternehmen weiter zum Erfolg führen, obwohl er gemeinsam mit seiner Partnerin eigentlich andere Pläne für seine Karriere hatte. Und dabei soll ihm ausgerechnet ein Travestiekünstler helfen, eine spannende Marktlücke zu schließen: Die perfekte Fusion eines Männer- und Frauenschuhs. Ein Frauenschuh, getragen von Männern, die als Drag Queen auftreten oder als Transsexuelle leben. Und dabei steht schnell die Frage im Fokus, was eigentlich das Geschlecht, die Kleidung oder eben den Schuh eigentlich ausmacht und warum nicht auch ein Mann in sexy High Heels schlüpfen kann.

Tosh Wanogho-Maud ist als Drag Queen das Highlight der Show
Geboten bekommt der Zuschauer also einen Mix aus Musical mit Cindy Lauper Songs und hochwertiger Drag Show mit aufregenden Kostümen und beeindruckendem Schauspiel. Ein Highlight ist ganz besonders die Hauptrolle der Drag Queen Lola, gespielt von Tosh Wanogho-Maud, der hier ein absolut spektakuläres Schauspiel-Theater auf der Bühne abliefert. Seine Körpersprache und seine Mimik zeugen von einer Spielfreude, die selbst das legendäre “Moulin Rouge” in den Schatten stellt. Und spätestens mit seinem Gesang bringt er das Publikum zum Staunen: Trotz seines maskulinen und muskulären Auftritts, gelingt ihm eine beeindruckend hohe feminine Stimme, die an afroamerikanische Soul-Sängerinnen erinnert. Gesang in Extraklasse, wie man ihn nur selten in einem Musical erlebt. Tosh Wanogho-Maud allein wäre in der Lage, die Show zu tragen.
In Kombination mit Dan Partridge in der Rolle des Firmenerbes Charlie, der hier den typisch kitschigen Musical-Gesang liefert, geben die beiden ein herausragendes Duo ab. Aber auch in den Nebenrollen profitiert “Kinky Boots” durchaus davon, im englischen Original aufgeführt zu werden: Viele der Nebenrollen – vom Lagerleiter bis zum draufgängerischen Arbeiter – präsentieren sich “very british” und machen auf Grund ihres britischen Humors und ihres vor allem im Englisch funktionierenden Wortwitzes großen Spaß. Wer mit der Sprache ein wenig Probleme hat, findet in der oberen linken und rechten Ecke eine deutsche Übersetzung als Übertitel – dafür ist ein Sitzplatz weiter hinten allerdings empfehlenswert, um den Text besser im Blickfeld zu haben.

Dan Partridge spielt die einfühlsame Hauptrolle als Charlie
Für alle anderen, die einigermaßen gut englisch verstehen, lohnt sich hingegen ein Sitzplatz weiter vorne: Je näher das Publikum am Bühnengeschehen dran ist, desto beeindruckender wirkt das Schauspiel. Ein bisschen “Schulenglisch” reicht durchaus aus, um die Alltagsunterhaltungen zwischen den Protagonisten zu verstehen. Durch das Bühnenbild, welches durchgehend dem Inneren einer Schuhfabrik entspricht, entsteht in den vorderen Reihen jedoch etwas mehr das Gefühl, selbst Teil dieses Raumes zu sein. Optisch ist das zwar im Vergleich zu anderen Musicals nur “zweckmäßig”, aber insgesamt trotzdem liebevoll detailliert. Übrigens: Auf das Klischee verzichtet man. Cindy Laupers größten Hit “Girls just wanna have fun” gibt es – wider erwarten – nicht zu hören. Das aber macht das Musical auch zu einem abgerundeten Erlebnis, ohne aufgesetzten Fanservice. Das Musical läuft noch bis zum 1. Februar 2026 und wird anschließend von “Pretty Woman” abgelöst. Tickets gibt es u.a. bei Eventim
Fotos: Pamela Raith / Semmel Concerts