Amphi Festival feiert Jubiläum – und einen Rekord-Start des Vorverkaufs für 2027
Post Punk auf der Orbit Stage: “The Exploding Boy” begeisterten die Oldschool Goths
Während so manches Festival doch gerne den “schwarzen Mainstream” bucht, widmete sich das Amphi Festival bei seinem Jubiläum auch ein bisschen den ursprünglichen Klängen der Szene. Das wurde vor allem auf der Orbit Stage klar, dem Schiff als dritter Bühne, das in diesem Jahr wegen Niedrigwasser leider auf der falschen Rheinseite anlegen musste. Hier kamen insbesondere Fans des klassischen Post-Punk voll auf ihre Kosten, als etwa dortige Headliner wie Pink Turns Blue die Besucher begeisterten und auch kleinere Bands wie The Exploding Boy und Twin Noir konnten da bestens überzeugen.
Auffallend hingegen: Die Anzahl der härteren Electro- und Aggrotech-Bands hat man im Line Up sichtbar zurückgefahren. Das ist umso mehr erstaunlich, als dass die Cybergoth mit ihren Plastik-Haarteilen sogar einen eigenen Tanz- und Videocontest auf der zweiten Bühne im Theater erhalten. Bands zum Tanzen hatten die dafür aber recht wenig: Lediglich Bands wie Assemblage 23 oder Solitary Experiments stachen hier ein bisschen hervor, waren mit ihrem Future- und Synth-Pop dann aber doch eher noch von der softeren Sorte. Und für die Electroheads fiel dann auch noch der eigentliche Headliner weg: Sorgenkind VNV Nation sagte zum zweiten Mal in Folge aus gesundheitlichen Gründen den Auftritt ab, da Sänger Ronan Harris sich einer Rücken-OP unterziehen musste – versuchen wir es nun also im dritten Jahr erneut, gute Besserung sei gewünscht.

Spaßige Neue Deutsche Härte: Schattenmann nehmen sich selbst bei ihrem Auftritt nicht immer todernst
Besonderen Spaß hatten hingegen die Fans des Dark Rock und der sogenannten “Neuen Deutschen Härte”, da nämlich reihten sich die Bands – auch größere – geradezu aneinander. Schon am Nachmittag spielende Bands wie Schattenmann und Heldmaschine sind praktisch ein Garant für harte Gitarren und mitreißende, eingängige Tracks. Bei letztem schafft es Sänger Rene Anlauff sogar, fast identisch wie Till Lindemann zu klingen. Dass spätere Headliner wie Mono Inc und Eisbrecher dann umso mehr gefeiert werden, versteht sich von selbst. Mit seiner markanten Stimme und den obligatorischen Eisbären liefert Alex Wesselsky schließlich ein mitreißendes und temporeiches Konzert – und hatte sogar Special Guests wie Joachim Witt auf der Main Stage am Start.
Unterdessen lohnte sich auch mal ein Blick abseits der Bühnen, um festzustellen, welchen Stellenwert das Amphi Festival in der Szene und auch bei den Bands hat. Manche davon kommen schließlich auch einfach mal privat auf das Festival, wenn sie selbst nicht auf der Bühne standen. So traf man etwa Künstler wie Totentanz Strumpfsockig, die sehnsüchtig darauf warten, dort ebenfalls mal gebucht zu werden oder aber Noise-Act Sven Phalanx, mit bürgerlichem Namen auch als Sven Lemke bekannt. Teils mit Partner- und Partnerinnen genossen sie das Festival und die Musik anderer Bands aus dem Genre und standen auch gerne einmal für Fotos oder einem Plausch mit ihren Fans bereit. Wo sonst erlebt man die Musiker der Szene so sehr aus der Nähe, wie auf einem Gothic-Festival?

Eine Stimme wie Till Lindemann: Heldmaschine begeistert schon seit Jahren die Fans des NDH
Kein Wunder also, dass das Amphi Festival für 2027 einen rekordverdächtigen Vorverkaufsstart hinlegt. Und das, obwohl doch einige Besucher in diesem Jahr fanden, dass dem Event für ein 20. Jubiläum dann doch ein paar Highlights fehlten. Ein besonderer Auftritt, ein paar mehr Special Guests oder ein Feuerwerk hätten sicherlich nicht geschadet, um ein bisschen mehr das Gefühl zu wecken, hier tatsächlich auf einem so wichtigen Jubiläum zu sein. Aber egal, das bereits in der ersten Bandwelle angekündigte Line Up für 2027 reicht offenbar aus, um die Verkaufszahlen anzukurbeln. Neben VNV Nation, die hoffentlich bis dahin wieder gesund sind, sollen auch Szenegrößen wie Deine Lakaien und Blutengel wieder mit von der Partie sein. Besonders hervorstechen hingegen Acts wie Chris Harms solo, den man sonst als Sänger von Lord of the Lost kennt, Neulinge wie TR/ST, aber auch speziellere Ankündigungen wie Steintor Herrenchor, die doch einen so sperrigen Namen haben, dass man dahinter wohl niemals eine Indie-Rock- / Synthpop-Band erwarten würde. Dem Erfolgsrezept aus diesem Jahr bleibt man dabei ebenfalls treu und liefert mit The Beauty of Gemina, Darkways und ähnlichen Acts wieder reichlich Post-Punk und Dark Wave, um auch dem klassischen Goth gerecht zu werden. Tickets gibt es für 144 Euro unter amphi-shop.de
Fotos: Rene Daners