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  • Wave-Gotik-Treffen: Schwarzes Leipzig mit musikalischer Vielfalt
    14. Juni 2026 | 18:37

    Wenn am Pfingstwochenende wieder zehntausende schwarz gekleidete Menschen nach Leipzig fahren und schwarze Outfits das Stadtbild der Innenstadt prägen, kann das nur eines bedeuten: Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, findet wieder statt. Jedes Jahr pilgern die Goths dabei zu einem der größten Festivals der schwarzen Szene Europas. Dabei gibt es musikalische und kulturelle Vielfalt, viele aufregende Outfits zu bestaunen, ein riesiges Community-Treffen und für viele vor allem: Nach Hause kommen. Endlich das Gefühl zu haben, nicht die Minderheit zu sein, die man wegen dem eigenen Kleidungsstil schief anschaut. Während sich viele Medienberichte sehr auf das Viktorianische Picknick konzentrieren, das für viele Besucher als “Eröffnung” des Festivals gilt, steckt hinter dem WGT aber noch viel mehr. Eigentlich handelt es sich um ein dezentrales Musik- und Kulturfestival, das man eher mit der “Nacht der Museen” und ähnlichem vergleichen kann. Zahlreiche Locations verteilen sich in der ganzen Stadt, um ein Angebot aus Konzerten, Lesungen, Kultur und anderen spannenden Möglichkeiten anzubieten.

    Besucher beim Viktorianischen Picknick
    Beim Viktorianischen Picknick tragen die Besucher ihre besten Outfits und Kleider

    Für viele geht es inzwischen sogar schon am Donnerstag los, wenn die ersten Goths nach Leipzig anreisen und sich bereits mit dem Festivalbändchen versorgen. Damit nämlich gibt es bereits kostenlosen Eintritt bei zahlreichen Partys. Bei einigen davon treten sogar bereits erste Live-Bands auf, etwa beim EBM Warm Up im Felsenkeller, der sich auch immer für ein erstes Abendessen unter Freunden anbietet. Nicht jeder wird in den folgenden Tagen nämlich als gemeinsame Gruppe unterwegs sein. Manche haben gemeinsame Interessen, andere teilen sich wiederum auf verschiedene Locations auf, damit jeder auf seinen ganz persönlichen Geschmack kommt – und abends trifft man sich dann wieder zum Mitternachtsspecial an der Main Stage in der Agra. Denn genau da liegt für viele Besucher auch der Reiz des WGT: Das vielfältige Konzertprogramm, bei dem auch kleinere Bands aus Nischengenres gebucht werden, die auf anderen Festivals vergleichbarer Größe kaum berücksichtigt werden.

    Musikalische Vielfalt gibt es nämlich bereits am ersten Festivaltag. Die meisten Konzert-Locations öffnen bereits, während das Viktorianische Picknick am Freitag Mittag zum Sammelpunkt für das Schaulaufen mit den besten Outfits wird. Böse Stimmen behaupten inzwischen: Hier finden sich mehr Cosplayer und Schaulustige, als tatsächliche Teilnehmer des Festivals. Vielleicht ist das sogar so – hübsch anzusehen sind die aufwändigen und oftmals selbstgemachten Gewänder aber dennoch. Wer da keine Lust darauf hat, strömt unterdessen bereits zu den Opener-Konzerten in den entsprechenden Hallen. Da wird nämlich wirklich alles geboten. Vom typischen Dark Rock über EBM bis Aggrotech. Von Psychobilly bis Noise. Von Post Punk bis Dark Wave. Für Außenstehende wäre es wahrscheinlich erstaunlich, welche Genrevielfalt die schwarze Szene auf einem Festival vereint. Hier findet sich dann auch der eigentliche Kern der Szene: Wenn sich die Goth Punks und Batcaver zu Dark Rock und Psychobilly alle in der gleichen Location treffen. Wenn die Cybergoth zum Aggrotech tanzen. Wenn die EBMler in ihren martialischen, militärisch angehauchten Hemden zu elektronischer Musik stampfen. Die zahlreichen Genre-Facetten der Szene werden schon bei einem Wechsel der Halle beachtlich und es lohnt sich doch, hier auch mal offen für Neues zu sein, mal einzutauchen in die Genres, die man sonst nicht so sehr hört.

    Rosa Crux beim WGT 2026
    Mehr Goth geht nicht: Rosa Crux mit Kerzen, Kirchenglocken und Skelett-Schlagzeugern

    Wie groß diese Vielfalt sein kann, das überrascht dann bei den großen Headlinern in der Agra, bei denen man etwa auch 80er Jahre Pop-Ikone Kim Wilde gebucht hat. Mancher mag sich gewundert haben, was diese Popmusik denn eigentlich mit Gothic zu tun hat. Jeder weiß inzwischen aber auch: Die Szene wird älter, viele sind inzwischen über 40 Jahre alt – und feiern dementsprechend die ganzen Klassiker aus den 80ern. Da gehört eine Kim Wilde genauso dazu, wie Alphaville, OMD oder Camouflage. Und trotzdem sind besondere Bands mit von der Partie, die den Goth praktisch durchgespielt haben. Rosa Crux im Volkspalast etwa, die nicht nur in einer der beeindruckendsten Hallen des WGT spielen durften, sondern auch auf der Bühne ziemlichen Eindruck hinterlassen haben. Da werden doch tatsächlich echte Kirchenglocken als Live-Instrument zu Dark Rock gespielt, während ferngesteuerte Skelette im Hintergrund die Trommeln spielen. Und das alles auch noch eingebettet in ein dunkelromantisches Setting aus Kerzen, Nebel und erotisch angehauchten Erd-Tanzritualen. Faszinierend – und: mehr Goth geht wohl nicht.

    Da sind dann aber auch noch die anderen Bands, die musikalisch eigentlich den Ursprung der Gothic-Szene ausmachen und bei jüngeren Gruftis dadurch vielleicht völlig unbekannt sind. Die belarussische Band Molchat Doma etwa spielte klassischen Post-Punk in seiner wohl reinsten Form, als hätte man ihn bereits in den 80er Jahren produziert. Eine Band wie The SPKtR/SPK schafft es auch 2026 noch ursprünglichen echten Industrial zu spielen, wie man ihn einst von “Throbbing Gristle” oder “Skinny Puppy” kannte – während jüngere Goths oftmals Aggrotech fälschlicherweise unter Industrial einordnen. Aber auch alte Pioniere des Noise fanden sich mit KiEw, die übrigens nichts mit der Ukraine am Hut haben, auf der Bühne des Täubchenthals, um zu Beweisen, wie man Noise sogar mit Gitarren spielen kann. Genau das sind am Ende jene Nischen, für die viele Anhänger der Schwarzen Szene letztendlich zum Wave-Gotik-Treffen fahren und weshalb sie das Festival zahlreichen anderen so sehr vorziehen.

    Rave in der Peterskirche Leipzig
    Einzigartig: Das WGT bot erstmals eine Rave Party in der Peterskirche Leipzig

    War man hingegen etwas mehr im “schwarzen Mainstream” zuhause, kam man natürlich auch mit Bands wie Lacrimosa recht gut auf seine Kosten. Um Stress bei den beliebten Bands zu vermeiden, gab die neue App “WGT Kompaß” eine gute Orientierung für Festivalbesucher. Kam es zu einem Einlassstopp, konnte man sich dort zeitnah darüber informieren – und sich gleich den Weg beim Wechsel der Location sparen oder doch einen alternativen Auftritt aufsuchen. Statt stundenlanger Warteschlangen vor den Konzerthallen, die in der Vergangenheit zu Frust führten, verteilten sich die Besucher dadurch besser in ganz Leipzig und viel mehr Menschen kamen in den Genuss von Konzerten, die sie auch sehen konnten. Vor allem die Peterskirche, die nun gehäuft genutzt werden soll, hatte dabei immer wieder mit hohem Andrang zu kämpfen – immerhin fanden hier ganz besondere Auftritte statt, wie etwa ein Akustik-Konzert von The Beauty of Gemina als Trio, die hier ein einzigartiges Konzert boten. Für Staunen auch bei Stadtbewohnern sorgte dann allerdings eine Party, die die Kirchenfenster in satanischem Rot erscheinen ließ, während harte elektronische Beats bis auf die Straße schallten: Dank Rave 300 fand dort erstmals tatsächlich eine Rave-Party in einer echten Kirche statt. Und das musste schließlich fast jeder mal von innen sehen.

    Partys gehören sowieso fest zum WGT auch dazu. Wer nach einem langen Festivaltag voller Konzerte noch Energie hatte, konnte nahezu in der ganzen Stadt noch das Tanzbein schwingen. Ob bei den Noise-Abenden von Hands in der Moritzbastei, bei den elektrolastigen Partys in der kleinen Agra-Nebenhalle, oder aber in einer der zahlreichen Locations wie das Darkflower. Der Abendausklang war stets gesichert. Und vielleicht hat mancher Besucher ja auch mal ein Museum, eine Lesung, eine Führung oder eine Opernshow besucht – denn all das war ebenfalls kostenlos im Festivalticket inklusive. Dann nämlich hat man ohnehin noch etwas mehr Energie zum Tanzen und Feiern.

    Kim Wilde beim WGT
    Überraschender Star beim WGT: Kim Wilde auf der Main Stage – vor Einstürzende Neubauten

    Manche aber begeben sich auch zum Heidnischen Dorf, dem Mittelaltermarkt des WGT. An allen Tagen kamen dort die Fans des Mittelalters auf ihre Kosten, denn auch hier fanden sich große Bands auf der Bühne. Begeistern konnten insbesondere Tabernis, die in den Gewändern mittelalterlicher Imker auftraten und passend dazu Honiglöffel an das Publikum verteilten. Aber auch Bands wie Sagenbringer und Heidevolk wussten mit ihrem Pagan Metal natürlich zu begeistern und lockten zahlreiche Besucher an. Dieser Bereich war mit Tageskarten sogar für Besucher ohne Festival-Bändchen zugänglich, sodass sich auch die “normale” Bevölkerung Leipzigs hier in jedem Jahr ein wenig versammelt. Wer Lust hatte, war so also in der Lage, sogar jeden Festival-Tag mit völlig unterschiedlicher Musik zu verbringen – dafür reicht die Vielfalt des Line Ups problemlos aus. Doch am wichtigsten bleibt vor allem eine Erkenntnis: Endlich normale Leute. Der Goth fühlt sich auf dem WGT so sehr zuhause, dass er tagelang vollständig von seinem Alltag abschalten kann.

    Fotos: Rene Daners