Der Trafikant - Kritik – Virtual DVD Magazine
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    Der Trafikant

    Der Trafikant


    Land/Jahr:
    A / D 2018
    Genre:
    Drama
    Regie:
    Nikolaus Leytner
    Darsteller:
    Simon Morzé
    Bruno Ganz
    Johannes Krisch
    Emma Drogunova
    FSK:
    ab 12 Jahren
    Dauer:
    114 Minuten
    Kaufstart:
    12. April 2019
    Label:
    Universum Film

    Für den 17-jährigen Franz Huchel hat das wohlbehütete Leben in seinem Heimatdorf am Attersee schon bald ein jähes Ende. Kurz nach dem Ableben seines Vaters soll er schließlich eine Ausbildung beim Trafikanten Otto Trsnjek in Wien machen, wo es zu seinen Aufgaben gehören wird, sowohl Zeitungen, als auch Tabak an den Mann zu bringen. Eine solche Aufgabe bringt allerdings auch einen guten Draht zu allen Bevölkerungsschichten mit sich, was ihn auch in Kontakt mit dem alternden, weltbekannten Psychoanalytiker Sigmund Freud bringt, von dem Franz schnell fasziniert ist. Als es mit seiner ersten Liebe Anezka nämlich nicht so gut läuft, erhofft er sich nämlich hilfreichen Rat bei Freud, für den die Liebe wohl ebenfalls eines der größten Mysterien zu sein scheint. Dumm nur, dass das längst nicht sein einziges Problem sein wird, denn zwischen dem anstrengenden Start ins Berufsleben und der ersten große Liebe, spitzt sich im Jahre 1937 auch die politische Situation in Österreich immer mehr zu. Als die Nazis schließlich in Österreich einmarschieren, gerät nämlich nicht nur Freud in eine brenzlige Lage, sondern auch die Trafikanten, die sich stets weigerten, nationalsozialistische Propaganda-Zeitungen zu verkaufen…

    Kritik:
    Das ganz normale Leben zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, noch bevor die Judenverfolgung im vollen Gange war, dürfte angesichts zahlreicher stark auf Hilter fokussierter Filme ein durchaus interessantes Thema sein. Vor allem dann, wenn der Blick sich auf unser Nachbarland Österreich richtet und sich damit befasst, wie die Nazis einst überhaupt in der Lage waren, selbst dort die Macht zu übernehmen.

    Nazis – in der Mitte der Gesellschaft
    Mit der Romanverfilmung von Robert Seethaler bietet sich nämlich ein genau solcher Einblick, der den ganz normalen Lebensalltag der Wiener Bevöllkerung schildert, bei dem nationalsozialistische Propaganda eine immer stärkere Rolle einnahm. Die Perspektive des Trafikanten, der letztendlich nichts anderes war, als die frühere Version eines Kiosk-Verkäufers, scheint an dieser Stelle geradezu perfekt, um praktisch alle Bevölkerungsschichten abzubilden: Vom für Propaganda empfänglichen Bildungsbürger über linksextreme Widerständler, bis hin zum ganz normalen Mittelstand, der sich zwischen Neid und Mißgunst nicht entscheiden kann, ob er doch lieber den neutralen Beobachter spielt oder sich den immer aggressiver werdenden Massen anschließt. Man könnte sagen: „Der Trafikant“ ist in gewisser Weise eine Art Milieustudie aus der Mitte der Gesellschaft, die die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die normale Bevölkerung recht deutlich macht.

    Das Mysterium der Liebe
    Den roten Faden allerdings versucht „Der Trafikant“ eher durch seine Hauptfigur Franz Huchel, gespielt von Simon Morzé, aufzubauen. Dem naiven anpassungsbereiten jungen Mann, der aus dem Dorf stammend eine für ihn gänzlich neue Welt kennenlernt und damit für den Zuschauer, der sich seiner Erwartungen womöglich ebenfalls noch nicht ganz bewusst ist, eine hervorragende Identifikationsfigur abliefert. Mit den jungen 17 Jahren seiner Hauptfigur bietet er zugleich aber auch eine kleine Coming-of-Age-Geschichte, in der es ein Stück weit um Selbstfindung inmitten einer sich verändernden Gesellschaft geht. Zugegeben: Gerade zu Beginn vielleicht etwas zu ausschweifend, nimmt die tragische Liebesgeschichte in der ersten Hälfte des Streifens doch etwas zu viel Zeit ein. Immerhin liegen die Stärken von „Der Trafikant“ doch eher in der Schilderung der Gesellschaft in der Nazi-Zeit und den spannenden Konflikten rund um das kleine Kiosk in der Wiener Innenstadt.

    Die Schuld des Volkes
    Da nämlich bringt „Der Trafikant“ so manche Kontroverse ins Gespräch, vor der sich viele andere Filme über den Zweiten Weltkrieg seit je her so sehr scheuen: Die Frage danach, ob die ganz normale Bevölkerung wohl eine Mitschuld daran hatte, dass die Nazis überhaupt die Macht ergreifen konnten und ob sie nicht doch ganz genau wussten, worauf sie sich hier einlassen würden. Schlüsselmomente, in denen die Figuren ihre Gedanken darüber äußern, dass die Mehrheit der Mittelschicht plötzlich selbst zu Nazis werden möchte und sich aktiv an der Ausgrenzung der eigenen Nachbarn beteiligt, gehören zu den besonders starken Szenen des Films. Eindringlich dabei, wie der Trafikant Otto Trsnjek von seinem eigenen Umfeld – auch aus Neid – zunehmend in die Enge getrieben und tyrannisiert wird. Eine solch intensive Darstellung des bürgerlichen Widerstands im kleinen, gerade so möglichen Rahmen, wie sie eben dieser namensgebende Trafikant leistet, geht unter die Haut. Und das nicht nur wegen der durchaus anspruchsvollen, schweren Thematik.

    Jung, kauzig, berühmt
    Auch das Zusammenspiel zwischen Simon Morzé und Johannes Kirsch in der Rolle des Vorgesetzten Otto Trsnjek funktioniert zu jedem Zeitpunkt hervorragend. Die Kombination aus naivem, aber neugierigem Jungspung und kauziger, gestandener Persönlichkeit mit zahlreichen prägenden Erfahrungen in der Vergangenheit bietet hier ein herausragendes Duo. Nicht zuletzt natürlich auch deshalb, weil man die Figuren allesamt in ihrem natürlichen österreichischen Dialekt sprechen lässt und sie dadurch eine noch verstärkte Natürlichkeit und Authentizität erhalten. Selbiges gilt an der Stelle natürlich auch für den hervorragenden Bruno Ganz, der den weisen und angenehm zurückhaltenden Sigmund Freud mit Bravour zu spielen vermag und sich damit kurz vor seinem Tod ein ehrwürdiges Denkmal setzen konnte. Der allerdings hatte zugleich auch keineswegs die einfachste Rolle seiner Karriere ergattert.

    Kino mit Anspruch
    Vor allem in den Szenen zwischen dem jungen Franz Huchel und Sigmund Freud entwickelt „Der Trafikant“ häufig auch einen gewissen intellektuellen Anspruch, der dem Zuschauer viele Möglichkeiten gibt, die Dialoge auf interessante Weise zu interpretieren. Freud schließlich spricht nur allzu gerne in Metaphern und philosophiert in seinen Szenen fast ununterbrochen über die Liebe, das Leben, die Gesellschaft und natürlich auch die Psyche des Menschen. Gerade im Hinblick auf die politische Entwicklung innerhalb Österreichs und die Gruppendynamik innerhalb der Bevölkerung bietet Bruno Ganz als Freud damit mehr als einmal wichtige Schlüsselszenen, die sich zur kontroversen Analyse und Interpretation regelrecht anbieten. Schlussendlich ist „Der Trafikant“ deshalb auch ganz genau das, was der Film eigentlich sein möchte: Ein hochanspruchsvolles Kino, bei dem der Zuschauer mitdenken muss und auch Stunden nach der Sichtung noch über verschiedene Perspektiven und Interpretationen diskuttieren kann.

    Fazit:
    Voller Philosophie und Metaphern, herausragenden Figuren und zahlreichen kontroversen Interpretationsmöglichkeiten hinsichtlich der gesellschaftlichen Entwicklung während der Machtergreifung der Nationalsozialisten entwickelt sich „Der Trafikant“ trotz seiner anfänglich etwas zu sehr ausschweifenden Lovestory zu hochanspruchsvollem Kino, das sein Publikum fordert.

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