Assassination Nation - Kritik – Virtual DVD Magazine
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    Assassination Nation

    Assassination Nation


    Land/Jahr:
    USA 2018
    Genre:
    Thriller
    Regie:
    Sam Levinson
    Darsteller:
    Odessa Young
    Hari Nef
    Suki Waterhouse
    Bella Thorne
    Bill Skarsgård
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Dauer:
    108 Minuten
    Kaufstart:
    29. März 2019
    Label:
    Universum Film

    Das Leben ist ganz schön scheiße, findet die 18-jährige Highschool-Schülerin Lily. Ihr gesamtes Umfeld interessiert sich nur noch für den Klatsch und Tratsch in den sozialen Medien, ist ständig auf der Jagd nach den nächsten Likes und selbst die ersten sexuellen Annäherungsversuche finden eigentlich nur noch über Whatsapp und Instagram statt. Nackt-Selfies, ziemlich direkte Angebote und sogar pädophile Kontaktversuche bestimmen selbst ihren Alltag, in dem sie sich oftmals etwas zu freizügig im Internet präsentiert. Kaum jemand hätte in dieser Situation allerdings für möglich gehalten, was in ihrer kleinen Heimatstadt Salem eines Tages passieren würde: Ein Hacker veröffentlicht die intimsten Details und die dunkelsten Geheimnisse der Bewohner. Jegliche Nachrichten, Bilder und Daten, die jemals von einem Bewohner der Stadt verschickt wurden, sind von nun an öffentlich für jeden im Netz einsehbar. Existenzen werden vernichtet, Freundschaften bedroht und selbst Familien zerrissen. Und ausgerechnet Lily wird verdächtigt, hinter diesen Machenschaften zu stecken und fortan zum Hassobjekt eines wütenden Mobs, der jeden Mist glaubt, der im Internet veröffentlicht wird…

    Kritik:
    Die weltweite Vernetzung und die fortschreitende Digitalisierung verändert die gesamte Gesellschaft. Nicht nur die Kommunikation und unsere Arbeit, sondern auch das ganz normale zwischenmenschliche Zusammenleben, in dem die Jagd nach Aufmerksamkeit, Selbstinszenierung und Likes inzwischen einen höheren Stellenwert eingenommen hat, als der reale Kontakt zu den eigenen Freunden. Doch welche Auswirkungen haben die sozialen Medien tatsächlich vor allem auf Jugendliche?

    Der gläserne Bürger
    Um diese Frage zu beantworten, konzentriert sich „Assassination Nation“ auf das wohl schlimmste Schreckensszenario, das wir uns vorstellen können: Ein umfangreicher Hackerangriff, bei dem alle privaten Details für jeden zugänglich werden. Jedes Nacktfoto auf unseren Handys, jeder Fremdflirt via Whatsapp, jedes Geheimnis, das unser Umfeld auf keinen Fall erfahren sollte – und zwar von jedem Freund, jedem Familienmitglied, jedem Nachbarn, jedem Lehrer und jedem Arbeitnehmer. Der vollständige gläserne Bürger – digital ausgezogen für jeden, der auf der Suche nach der nächsten Möglichkeit ist, ein Opfer für seinen Hass zu finden. In einer Welt, in der die Menschen jede noch so abwegige Diskreditierung im Internet glauben. In der die bloße Unterstellung, ein vermeintlicher Kinderschänder zu sein, einen ganzen Mob vor dem eigenen Haus versammeln könnte. Ein irgendwie verstörendes Szenario. Aber vielleicht nicht völlig abwegig, wenn selbst private Fotos von Prominenten plötzlich überall im Netz zu finden sind. „Assassination Nation“ stellt sich der spannenden Frage, ob sich wohl die gesamte Menschheit gegenseitig hassen würde, wenn jede unserer „Leichen im Keller“, die wir dank der sozialen Medien und des Internets vielleicht alle haben, an die Öffentlichkeit gelangen würden.

    Auswirkungen der sozialen Medien
    Damit ist der Thriller ein ziemlich medien- und internetkritischer Film, der sich bis ins kleinste Detail mit den Auswirkungen auf unser reales Leben durch das Internet auseinandersetzt. Sicherlich vielleicht ein bisschen dystopisch, aber doch nicht völlig abwegig, wenn wir die Dialoge der Protagonisten einmal mit realen Jugendlichen vergleichen: Was früher der Klatsch und Tratsch aus dem Fernsehen und den Boulevardmagazinen war, sind heute die Influencer und Youtube-Stars, deren Privatleben das neueste Aufregerthema auf dem Schulhof ist. Wo früher noch in der Discothek miteinander geflirtet wurde, werden heute Nacktfotos via Whatsapp ausgetauscht und sich gegenseitig unmoralische Angebote über soziale Medien zugeschickt. So weit, bis die Gesellschaft völlig abgestumpft ist – behauptet zumindest „Assassination Nation“. Was durch seine ständigen Anspielungen auf soziale Medien und mit einem gewissen Teenie-Tratsch-Gehabe hier auf den ersten Blick so nervt, weist bei genauerem Hinsehen verstörende Parallelen zu unserem realen Alltag auf. Und durch das langsame Steigern seiner Intensität, gelingt es dem Streifen trotz seiner Teeniefilm-Aufmachung zu schockieren.

    Fake News und seine Folgen
    „Assassination Nation“ denkt die Problematik nämlich ein bisschen weiter. Denn wir kennen die Kommentare aus den sozialen Medien doch alle: Die Hass- und Gewaltphantasien, wenn in den Medien mal wieder ein Artikel über einen angeblichen Kinderschänder aufgetaucht ist. Die Forderungen nach der Todesstrafe, wenn ein Stadtbewohner mal wieder einen Hund gequält hat und die einfachen Gemüter nur darauf warten, sich wieder über jemanden aufregen zu können, wenn die Doku-Soaps im Privatfernsehen schon zu langweilig geworden sind, um mal wieder nach unten treten zu können. Wäre es so völlig abwegig, dass die Menschen tatsächlich mit gröbster Waffengewalt aufeinander losgehen würden, wenn plötzlich alles über jeden bekannt wäre und jede unmoralische Tat einem Namen und einer Adresse zuordbar wäre? Gerade deshalb ist „Assassination Nation“ im späteren Verlauf auch ganz schön hart, denn hier werden die Gewaltphantasien kurzerhand in die Tat umgesetzt. Je länger der Film geht, desto stärker wird der Hass und die Wut auf die Spitze getrieben, sodass es zu Beginn des Streifens anscheinend sogar geschätzte zwanzig Triggerwarnungen braucht. Ein bisschen lässt der Thriller dabei eben auch den Gedanken aufkommen, ob nicht eigentlich das Internet und seine sozialen Medien selbst eine Triggerwarnung bräuchten. Wenn „Assassination Nation“ eines kann, dann das Publikum zur Selbstrelektion anregen. Und zwar nicht mit dem erhobenen Zeigefinger, sondern auf einer Meta-Ebene, die uns unser eigenes Verhalten vor Augen führt.

    Vom Leben gezeichnete Coolness
    Da passt auch Odessa Young mit ihrem ziemlich coolen, abgestumpften Auftreten ziemlich gut hinein. Sie spielt eines dieser typischen durchgeknallten Ghetto-Mädchen, die im Internet schon alles gesehen haben und selbst in der Realität so manchem Mist ausgesetzt ist. Die völlig abseits der Augen ihrer Eltern einer jugendlichen Welt ausgesetzt ist, in der Selbstpornographie, pädophile Kontakte und die Reduktion ihrer Privatsphäre auf ein Minimum zur völlig Normalität gehört – wie es wohl bei unseren Schulkindern vielleicht ähnlich sein könnte. Aber auch ein Mädchen, das durch eine Kombination aus Abgestumpftheit und Intelligenz eine gewisse Schlagkräftigkeit mitbringt, die ihr eine beeindruckende Coolness verleihen und die ihr in ihrer knallharten Art sogar Recht geben. Ein Mädchen, das die Abgründe der Gesellschaft erkannt hat und kein Problem damit hat, ihrer Umwelt genau das vor den Kopf zu knallen. Manche kennen sie: Die kaputten asozialen Kinder, die schon in der frühen Pubertät zu praktisch jeder Tat in der Lage sind, mit ihrer ehrlichen Sicht auf die Welt dabei aber eine erschreckende Coolness mitbringen. Genau so ist Odessa Young in der Hauptrolle, die ihr wie angegossen sitzt, weil Regisseur Sam Levinson das passende Gespür für die digitale Welt der amerikanischen Teenies mitbringt.

    Glaubwürdigkeit zwischen den Splitscreens
    Zugegebenermaßen zu Beginn vielleicht etwas zu viel Coolness, wirkt der Inszenierungsstil mit seinem Gerede über soziale Medien und seinen rasanten Schnitten etwas zu aufgesetzt. Als störend kann man es in der ersten halben Stunde durchaus empfinden, wenn sich Auszüge aus den Chats mit einem 3-fachen Splitscreen abwechseln, um „Assassination Nation“ zunächst künstlich jung geblieben zu inszenieren. Dass dieser anfänglich gehetzte Stil aus Selfie-Videos, wie wir sie heute von Instagram & Co. gewohnt sind, durchaus zu diesem Film passt, wird dann im späteren Verlauf durch seine knallharte Medienkritik deutlich. Bis dahin allerdings könnte der Streifen vor allem das ältere Publikum mit seinem Teeniegehabe durchaus abgeschreckt haben. Ein Glück daher, dass Sam Levinson diesen Stil spätestens zur Mitte des Films gänzlich beiseite gelegt hat und sich stattdessen dann tatsächlich auf die Charaktere und ihre Handlungen konzentriert, wenn der wütende Mob zunehmend in den Fokus gerät. Aber der würde nunmal nicht funktionieren, ohne die Ursachen zu beleuchten, die darin liegen, dass selbst die belanglosesten und gefaktesten PR-Stunts der Influencer zum das ganze Leben bestimmtenden Thema werden und die Gesellschaft so beeinflussbar macht, wie selten zuvor. Und spätestens damit könnte „Assassination Nation“ – trotz seiner zum Schluss überzeichneten Darstellung der Gewalt – vielleicht manchen Zuschauer zum Nachdenken bringen, wenn er sich von den Werbebotschaften der Influencer beeindrucken lässt, deren öffentliches Leben doch nichts weiter als ein Fake ist, die ihre Empfänger vielleicht auch zu einem zombiehaften Mob machen können, die jeden Schwachsinn glauben, der auch nur ein bisschen die Verkaufszahlen steigert. Vor lauter Selbstreflektion des Publikums dürfte „Assassination Nation“ allerdings auch emotional ziemlich packen.

    Fazit:
    Bereits zu Beginn blendet „Assassination Nation“ zahlreiche Triggerwarnungen ein, weil der Film in vielerlei Hinsicht knallharte Extreme zeigt. Tatsächlich ist der Streifen allerdings nicht wegen seines dargestellten Gemetzels so schlimm, sondern weil er so manchem Nutzer der sozialen Medien einen heftigen Spiegel vorhält. Der Thriller ist damit vielleicht einer der härtesten medienkritischen Filme der letzten Jahre – bringt bei seiner Hetzjagd, die passenderweise in Salem stattfindet, aber auch eine unterhaltsam überzeichnete Coolness mit.

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