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Wave-Gotik-Treffen: Schwarzes Leipzig mit musikalischer Vielfalt
Unzucht in Düsseldorf: Timm Hindorff beweist sich als neuer Sänger

Archiv fürJuni, 2026


14
Jun

Wave-Gotik-Treffen: Schwarzes Leipzig mit musikalischer Vielfalt

Wenn am Pfingstwochenende wieder zehntausende schwarz gekleidete Menschen nach Leipzig fahren und schwarze Outfits das Stadtbild der Innenstadt prägen, kann das nur eines bedeuten: Das Wave-Gotik-Treffen, kurz WGT, findet wieder statt. Jedes Jahr pilgern die Goths dabei zu einem der größten Festivals der schwarzen Szene Europas. Dabei gibt es musikalische und kulturelle Vielfalt, viele aufregende Outfits zu bestaunen, ein riesiges Community-Treffen und für viele vor allem: Nach Hause kommen. Endlich das Gefühl zu haben, nicht die Minderheit zu sein, die man wegen dem eigenen Kleidungsstil schief anschaut. Während sich viele Medienberichte sehr auf das Viktorianische Picknick konzentrieren, das für viele Besucher als “Eröffnung” des Festivals gilt, steckt hinter dem WGT aber noch viel mehr. Eigentlich handelt es sich um ein dezentrales Musik- und Kulturfestival, das man eher mit der “Nacht der Museen” und ähnlichem vergleichen kann. Zahlreiche Locations verteilen sich in der ganzen Stadt, um ein Angebot aus Konzerten, Lesungen, Kultur und anderen spannenden Möglichkeiten anzubieten.

Besucher beim Viktorianischen Picknick
Beim Viktorianischen Picknick tragen die Besucher ihre besten Outfits und Kleider

Für viele geht es inzwischen sogar schon am Donnerstag los, wenn die ersten Goths nach Leipzig anreisen und sich bereits mit dem Festivalbändchen versorgen. Damit nämlich gibt es bereits kostenlosen Eintritt bei zahlreichen Partys. Bei einigen davon treten sogar bereits erste Live-Bands auf, etwa beim EBM Warm Up im Felsenkeller, der sich auch immer für ein erstes Abendessen unter Freunden anbietet. Nicht jeder wird in den folgenden Tagen nämlich als gemeinsame Gruppe unterwegs sein. Manche haben gemeinsame Interessen, andere teilen sich wiederum auf verschiedene Locations auf, damit jeder auf seinen ganz persönlichen Geschmack kommt – und abends trifft man sich dann wieder zum Mitternachtsspecial an der Main Stage in der Agra. Denn genau da liegt für viele Besucher auch der Reiz des WGT: Das vielfältige Konzertprogramm, bei dem auch kleinere Bands aus Nischengenres gebucht werden, die auf anderen Festivals vergleichbarer Größe kaum berücksichtigt werden.

Musikalische Vielfalt gibt es nämlich bereits am ersten Festivaltag. Die meisten Konzert-Locations öffnen bereits, während das Viktorianische Picknick am Freitag Mittag zum Sammelpunkt für das Schaulaufen mit den besten Outfits wird. Böse Stimmen behaupten inzwischen: Hier finden sich mehr Cosplayer und Schaulustige, als tatsächliche Teilnehmer des Festivals. Vielleicht ist das sogar so – hübsch anzusehen sind die aufwändigen und oftmals selbstgemachten Gewänder aber dennoch. Wer da keine Lust darauf hat, strömt unterdessen bereits zu den Opener-Konzerten in den entsprechenden Hallen. Da wird nämlich wirklich alles geboten. Vom typischen Dark Rock über EBM bis Aggrotech. Von Psychobilly bis Noise. Von Post Punk bis Dark Wave. Für Außenstehende wäre es wahrscheinlich erstaunlich, welche Genrevielfalt die schwarze Szene auf einem Festival vereint. Hier findet sich dann auch der eigentliche Kern der Szene: Wenn sich die Goth Punks und Batcaver zu Dark Rock und Psychobilly alle in der gleichen Location treffen. Wenn die Cybergoth zum Aggrotech tanzen. Wenn die EBMler in ihren martialischen, militärisch angehauchten Hemden zu elektronischer Musik stampfen. Die zahlreichen Genre-Facetten der Szene werden schon bei einem Wechsel der Halle beachtlich und es lohnt sich doch, hier auch mal offen für Neues zu sein, mal einzutauchen in die Genres, die man sonst nicht so sehr hört.

Rosa Crux beim WGT 2026
Mehr Goth geht nicht: Rosa Crux mit Kerzen, Kirchenglocken und Skelett-Schlagzeugern

Wie groß diese Vielfalt sein kann, das überrascht dann bei den großen Headlinern in der Agra, bei denen man etwa auch 80er Jahre Pop-Ikone Kim Wilde gebucht hat. Mancher mag sich gewundert haben, was diese Popmusik denn eigentlich mit Gothic zu tun hat. Jeder weiß inzwischen aber auch: Die Szene wird älter, viele sind inzwischen über 40 Jahre alt – und feiern dementsprechend die ganzen Klassiker aus den 80ern. Da gehört eine Kim Wilde genauso dazu, wie Alphaville, OMD oder Camouflage. Und trotzdem sind besondere Bands mit von der Partie, die den Goth praktisch durchgespielt haben. Rosa Crux im Volkspalast etwa, die nicht nur in einer der beeindruckendsten Hallen des WGT spielen durften, sondern auch auf der Bühne ziemlichen Eindruck hinterlassen haben. Da werden doch tatsächlich echte Kirchenglocken als Live-Instrument zu Dark Rock gespielt, während ferngesteuerte Skelette im Hintergrund die Trommeln spielen. Und das alles auch noch eingebettet in ein dunkelromantisches Setting aus Kerzen, Nebel und erotisch angehauchten Erd-Tanzritualen. Faszinierend – und: mehr Goth geht wohl nicht.

Da sind dann aber auch noch die anderen Bands, die musikalisch eigentlich den Ursprung der Gothic-Szene ausmachen und bei jüngeren Gruftis dadurch vielleicht völlig unbekannt sind. Die belarussische Band Molchat Doma etwa spielte klassischen Post-Punk in seiner wohl reinsten Form, als hätte man ihn bereits in den 80er Jahren produziert. Eine Band wie The SPKtR/SPK schafft es auch 2026 noch ursprünglichen echten Industrial zu spielen, wie man ihn einst von “Throbbing Gristle” oder “Skinny Puppy” kannte – während jüngere Goths oftmals Aggrotech fälschlicherweise unter Industrial einordnen. Aber auch alte Pioniere des Noise fanden sich mit KiEw, die übrigens nichts mit der Ukraine am Hut haben, auf der Bühne des Täubchenthals, um zu Beweisen, wie man Noise sogar mit Gitarren spielen kann. Genau das sind am Ende jene Nischen, für die viele Anhänger der Schwarzen Szene letztendlich zum Wave-Gotik-Treffen fahren und weshalb sie das Festival zahlreichen anderen so sehr vorziehen.

Rave in der Peterskirche Leipzig
Einzigartig: Das WGT bot erstmals eine Rave Party in der Peterskirche Leipzig

War man hingegen etwas mehr im “schwarzen Mainstream” zuhause, kam man natürlich auch mit Bands wie Lacrimosa recht gut auf seine Kosten. Um Stress bei den beliebten Bands zu vermeiden, gab die neue App “WGT Kompaß” eine gute Orientierung für Festivalbesucher. Kam es zu einem Einlassstopp, konnte man sich dort zeitnah darüber informieren – und sich gleich den Weg beim Wechsel der Location sparen oder doch einen alternativen Auftritt aufsuchen. Statt stundenlanger Warteschlangen vor den Konzerthallen, die in der Vergangenheit zu Frust führten, verteilten sich die Besucher dadurch besser in ganz Leipzig und viel mehr Menschen kamen in den Genuss von Konzerten, die sie auch sehen konnten. Vor allem die Peterskirche, die nun gehäuft genutzt werden soll, hatte dabei immer wieder mit hohem Andrang zu kämpfen – immerhin fanden hier ganz besondere Auftritte statt, wie etwa ein Akustik-Konzert von The Beauty of Gemina als Trio, die hier ein einzigartiges Konzert boten. Für Staunen auch bei Stadtbewohnern sorgte dann allerdings eine Party, die die Kirchenfenster in satanischem Rot erscheinen ließ, während harte elektronische Beats bis auf die Straße schallten: Dank Rave 300 fand dort erstmals tatsächlich eine Rave-Party in einer echten Kirche statt. Und das musste schließlich fast jeder mal von innen sehen.

Partys gehören sowieso fest zum WGT auch dazu. Wer nach einem langen Festivaltag voller Konzerte noch Energie hatte, konnte nahezu in der ganzen Stadt noch das Tanzbein schwingen. Ob bei den Noise-Abenden von Hands in der Moritzbastei, bei den elektrolastigen Partys in der kleinen Agra-Nebenhalle, oder aber in einer der zahlreichen Locations wie das Darkflower. Der Abendausklang war stets gesichert. Und vielleicht hat mancher Besucher ja auch mal ein Museum, eine Lesung, eine Führung oder eine Opernshow besucht – denn all das war ebenfalls kostenlos im Festivalticket inklusive. Dann nämlich hat man ohnehin noch etwas mehr Energie zum Tanzen und Feiern.

Kim Wilde beim WGT
Überraschender Star beim WGT: Kim Wilde auf der Main Stage – vor Einstürzende Neubauten

Manche aber begeben sich auch zum Heidnischen Dorf, dem Mittelaltermarkt des WGT. An allen Tagen kamen dort die Fans des Mittelalters auf ihre Kosten, denn auch hier fanden sich große Bands auf der Bühne. Begeistern konnten insbesondere Tabernis, die in den Gewändern mittelalterlicher Imker auftraten und passend dazu Honiglöffel an das Publikum verteilten. Aber auch Bands wie Sagenbringer und Heidevolk wussten mit ihrem Pagan Metal natürlich zu begeistern und lockten zahlreiche Besucher an. Dieser Bereich war mit Tageskarten sogar für Besucher ohne Festival-Bändchen zugänglich, sodass sich auch die “normale” Bevölkerung Leipzigs hier in jedem Jahr ein wenig versammelt. Wer Lust hatte, war so also in der Lage, sogar jeden Festival-Tag mit völlig unterschiedlicher Musik zu verbringen – dafür reicht die Vielfalt des Line Ups problemlos aus. Doch am wichtigsten bleibt vor allem eine Erkenntnis: Endlich normale Leute. Der Goth fühlt sich auf dem WGT so sehr zuhause, dass er tagelang vollständig von seinem Alltag abschalten kann.

Fotos: Rene Daners


14
Jun

Unzucht in Düsseldorf: Timm Hindorff beweist sich als neuer Sänger

Ob große Main Stage oder kleine kultige Punk-Location: So ganz weiß man noch nicht, wo sich Unzucht in ihrer neuesten Konstellation aktuell positionieren. Erst spielten sie am 15. Mai 2026 die Releaseshow zu ihrem neuesten Album “Neon Dom” im kleinen Düsseldorfer Ratinger Hof vor rund 200 Besuchern, kaum eine Woche später darf es schon die Main Stage in der Agra des Wave-Gotik-Treffen in Leipzig sein. Grund für diese Unsicherheiten: Unzucht sind inzwischen mit einem neuen Sänger unterwegs, nachdem Daniel Schulz im Jahre 2023 zum neuen Frontmann von Oomph! wurde. Ein Jahr später fanden sie in Timm Hindorff ihre neue Stimme und der feiert inzwischen auch das zweijährige Bandjubiläum.

Ein bisschen neu orientieren mussten sie sich dann aber doch noch und so wagen sie sich in der neuen Besetzung nun erst einmal an die kleineren Locations, in der sie austesten, wie das alles bei den langjährigen Fans eigentlich ankommt. In der Folge auch die erste gemeinsame Tour: In Düsseldorf die erste ganz kleine Releaseshow zum neuen Album, ab Herbst 2026 dann die erste richtige Tour in zumindest etwas größeren Hallen. Die Skepsis bei manchen Fans also groß, denn viele hörten Sänger Timm Hindorff an diesem Abend zum ersten Mal. Sympathie gewannen sie aber schnell, denn das Zusammenspiel der Bandmitglieder wirkt extrem freundschaftlich. Unzucht wirken wie eine Familie, die endlich zusammengefunden hat.

Unzucht im Ratinger Hof Düsseldorf
Sänger Timm Hindorff beherrscht auch Growling

Zwei bis drei Songs reichen da auch, um die Skepsis der Fans nach und nach zu beseitigen. Denn schnell wird klar: Timm als neuer Sänger, das funktioniert. Manche Besucher fanden sogar, das klinge besser als zuvor: Timm Hindorff gelingt es nämlich, stimmlich weitaus vielfältiger zu sein, als einst “Der Schulz”. Die höhere Gesangslage, die den Dark Rock von Unzucht einst prägte, beherrscht Hindorff fast genauso, als stünde hier der Originalsänger auf der Bühne. Was er aber auch kann: Richtig tiefe, böse klingende Parts. Geht es ums Growling, das so manchen Unzucht-Song deutlich dynamischer erscheinen lässt, läuft Timm Hindorff seinem Vorgänger den Rang ab. Hindorff liefert hier die tiefe Kraft in seiner Stimme, die Oomph! in der neuen Besetzung nun fehlt.

Und dann gibt es da ja auch noch Daniel De Clercq, der Gitarrist und irgendwie auch “Sidekick” der Band. Vor einigen Jahren gab es noch Spekulationen, ob er wohl die Front der Band übernehmen würde. Gekommen ist es dann anders, sein Gesangspart inzwischen aber deutlich größer. Timm Hindorff gibt seinem Kollegen De Clercq jenen Raum, den er mit seinem Gesangstalent verdient hat. Durfte er damals seine Stimme allenfalls beim Song “Nein” beitragen, nutzen Unzucht die Wucht des Duetts inzwischen wesentlich häufiger. Und sogar Solo darf er mal an das Mikrofon, sichtlich nervös, als er erstmals eine eigene Ballade präsentierte. Gar nicht so einfach, nach den energiegeladenen Dark Rock-Hits erst einmal wieder runterzukommen und Luft zu schnappen. Aber De Clercq meistert das mit Bravour – und die Fans feiern die neue Unzucht spätestens jetzt.

Unzucht im Ratinger Hof Düsseldorf

Was auf jeden Fall geblieben ist: Die Fannähe, die für alle Bandmitglieder von Unzucht auch heute noch dazu gehört. Da wird nach dem Ende des Konzerts nicht einfach abgebaut und gegangen. Da trifft man sich im kleinen Ratinger Hof erst einmal noch auf ein Getränk, macht Fotos mit den Fans und Schlagzeuger Toby Fuhrmann stellt sich gar noch in die Tür, um die nach Hause oder in die umliegende Altstadt weiterziehenden Fans persönlich zu verabschieden. Die Fans haben Timm Hindorff als Sänger angenommen – und die Band ist sichtlich dankbar, dass das so gut funktioniert.

Fotos: Rene Daners