05
Apr
Dark Skies over Witten: Gothic Pogo mit Post-Punk und Dark Wave
Und die wirkten zum Teil ein wenig anders, als man sich Gruftis normalerweise vorstellt. Ganz so, als würde sich hier eine Subkultur innerhalb der Subkultur treffen, offenbarte sich vor allem am ersten Festival-Tag ein oftmals spannender optischer Mix aus Gothic und Punk. Bunte Haare, punkige Hosen und dazu eine schwarze Weste mit Patches von “Siouxsie and the Banshees” waren kein allzu ungewöhnlicher Anblick beim Dark Skies over Witten (kurz DSOW). Und mit solch einem Look sieht man Goths dann plötzlich auch mal Pogo tanzen oder in einem Moshpit mitfeiern – obwohl derartiges unter Goths normalerweise eher ungewöhnlich ist.
Außergewöhnlicher Post-Punk aus Frankreich: Frustration heizten als erster Headliner das Publikum ein
Die passende Musik bot das “Dark Skies over Witten” aber auch. Nachdem Black Doldrum und Darkways mit faszinierend sphärischem Dark Rock das Festival eröffneten und mit Psyche ein wahres Urgestein der Szene auf der Bühne stand, schien die französische Band Frustration aber auf den ersten Blick nur bedingt zu einem Gothic-Festival zu passen. Nachdem sich die Musiker viel Zeit für den Soundcheck ließen, wollten die aber voller Energie unter Beweis stellen, warum Post-Punk doch deutlich fetziger sein kann, als der gewöhnliche Punk Rock. Bei “Frustration” wird typischer Punk schließlich mit elektronischen Elementen wie Synthesizern oder E-Drums kombiniert, um einen besonders abgefahrenen, mitreißenden Sound zu liefern. Schon der erste Abend sorgte mit freudigen Gesichtern dafür, dass die Besucher doch eher später ins Bett kamen.
Der zweite Abend bot dann schon eher jenen Sound, den man aus der Gothic-Szene gewohnt ist. Kalte Nacht aus Griechenland etwa begeisterten mit einem melodischen Dark Wave-Sound, bei dem Sängerin Myrto Stylou mit ihren Gesangspassagen, die oftmals eher Geschrei ähneln, das Publikum zum Staunen brachte. Gleich im Anschluss lieferten Gothzilla aus Schottland ein wahres Kontrastprogramm: Extra für das Dark Skies over Witten hat sich die sonst 2-köpfige Band zu einer 5-Personen-Band erweitert und beweisen damit, dass sie ganz schöne Power in ihre Gitarren stecken können. Der Sound der Schotten siedelte sich zwischen Gothic Rock und Hard Rock an und wurde damit überraschend heavy.
Fünf Bandmitglieder statt nur zwei: Gothzilla haben sich für das Dark Skies over Witten extra vergrößert
Wie international ein solch kleines Festival aufgestellt sein kann, wurde dann mit Schrödinger klar. Obwohl der Name der Band irgendwie eher deutsch klingt, reiste das Gothic Rock-Duo bestehend aus Carlos and Ernesto Carapia sogar aus Mexiko nach Witten an. Für viele Ohren ein wenig gewöhnungsbedürftig, präsentierten die einen eher experimentellen, düsteren Rock-Sound. Als Headliner durften zwei Größen der Szene aber nicht fehlen: Sowohl die Post-Punk-Legenden Escape with Romeo, als auch die “Punk-Band mit Synthesizern”, wie sich die Synthpop-Band The Cassandra Complex selbst nennen, begeisterten die Fans der schwarzen Szene.
Ungewöhnlich dabei: Anders als auf den großen Festivals, spielte “The Cassandra Complex” ihren Auftritt lediglich zu zweit – obwohl die Band für gewöhnlich aus vier Bandmitgliedern besteht. Im Gegenzug gab es jedoch eine hübsche Lasershow, mit der sich Sänger Rodney Orpheus genussvoll selbst in Szene setzte. Neben den großen Hits der Band setzte Orpheus mit dem Cover “Nazi Goths, Fuck Off” aber auch ein politisches Statement. Sehr unterhaltsam beendete Orpheus das Festival anschließend mit einer Spaß-Segnung des Publikums, als er mit “Beyond Belief” eine Parodie auf Fernsehprediger aus dem US-amerikanischen Fernsehen spielte. Gelungener konnte man das Publikum wohl nicht in die dunkle Nacht entlassen.
Fast alleine, dafür aber mit Lasershow: The Cassandra Complex bescherten einen würdigen Abschluss
Bevor es nach Hause ging, statteten einige Besucher aber den Händlern des Festivals nochmal einen Besuch ab. Obwohl die Location verhältnismäßig klein ist, war es den Veranstaltern trotzdem gelungen, ein paar Händler aus der schwarzen Szene unterzubringen. Neben Kleidung und Merchandise, fanden die Goths aber natürlich auch ihr obligatorisches Patchouli-Parfüm und leckeren Met, den wohl einige bei dem frühlingshaften Wetter bald auf dem heimischen Balkon genießen werden. Bevor der richtige große Festival-Sommer jedoch startet, verkündete Veranstalter Carsten Frauendorf jedoch noch einige Details für das kommende Jahr: Wenn das Dark Skies over Witten am 14. März 2026 nach Witten zurückkehrt, wird das Festival zwar wieder auf einen einzelnen Tag reduziert, jedoch dürfen sich Fans unter anderem bereits auf die Punk-Band Fliehende Stürme freuen.
Fotos: Rene Daners