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The Neon Demon


The Neon Demon

Land/Jahr:
F / DK / USA 2016
Genre:
Thriller
Regie:
Nicolas Winding Refn
Darsteller:
Elle Fanning
Keanu Reeves
Jena Malone
FSK:
ab 16 Jahren
Dauer:
118 Minuten
Kaufstart:
27. Oktober 2016
Label:
Koch Media



Erst sechzehn Jahre alt, da begibt sich die junge und hübsche Jesse bereits auf das größte Abenteuer ihres Lebens. Ihre Eltern sind beide bereits verstorben und so glaubt sie, endlich ihre größten Träume erfüllen zu können. In der Großstadt von Los Angeles soll der heißbegehrten Modelkarriere also nichts mehr im Wege stehen. Der Vertrag ist schnell unterzeichnet, denn die Branche kümmert sich einen Dreck um das Alter ihrer Mädchen – solange sie die Wahrheit möglichst lange verschweigen. Für Jesse ein Kinderspiel: Mit ihrer makellosen Schönheit, die sie anders als die meisten Mädchen ohne jegliche Operationen erlangt hat, übertrumpft sie ihre Kolleginnen schon beim ersten Casting. Arroganz und Eitelkeit lassen da nicht lange auf sich warten, wenn Jesse bemerkt, dass ihr Aussehen ihr jegliche Türen und Tore öffnet. Doch längst rechnet sie nicht damit, welch blutrünstige Formen der Neid ihrer Konkurrenz erst noch annehmen kann…

Kritik:
Filme über das harte Modelbusiness kennen wir viele und die meisten handeln von Magersucht, Leistungsdruck und Schönheitswahn. Nicht ganz so allerdings „The Neon Demon“, der die Sichtweise auf faszinierende Weise ein bisschen umkehrt.

Kunst im Neonlicht
Man könnte den Thriller sicherlich auch als eine Art Kunstfilm betrachten. Die Einstellungen außergewöhnlich, die Perspektiven stets möglichst symmetrisch und in jeder Sekunde mit absoluten Hochglanzaufnahmen präsentiert. Ganz so, wie es sich für einen Film über Models gehören sollte. Doch „The Neon Demon“ ist irgendwie anders in seiner Ausdrucksweise und seiner Darstellungsform. Die Bildsprache begibt sich eindeutig in die Richtung der expressionistischen Kunst, untermalt von treibenden EBM-Beats und starken Kontrasten. Es fällt dem Zuschauer vermutlich anfänglich nicht immer leicht, wirklich nachzuvollziehen, was der Streifen uns eigentlich mitteilen möchte und vor allem bei den Shows der Models hat man dem Kameramann offenbar freien Lauf gelassen. Das zahlt sich aus, wenngleich „The Neon Demon“ gelegentlich den Fehler begeht, sich ein bisschen in der künstlichen Darstellung zu verrennen und die bunten, neonfarbenen Szenen etwas zu ausgiebig zu gestalten.

Unschuld in der Frontalen
Das ist allerdings nicht weiter schlimm, da sich auch die Handlung ansonsten bewusst minimalistisch zeigt, obwohl einem das nicht zwangsläufig auch so erscheinen mag. Voll und ganz konzentriert sich „The Neon Demon“ auf die Gefühlswelt eines jungen Mädchens, das gerade frisch ins Modelbusiness eingestiegen ist. Dabei gibt es eigentlich nicht einmal viele wirklich spektakuläre Szenen, dafür aber außergewöhnlich viel Zeit, um sich mit der Hauptdarstellerin zu identifizieren. Auch das auf ebenso andersartige Weise, als wir das in typischen Filmen gewohnt sind, denn dieser Thriller möchte unglaublich gerne mit den Gesichtsausdrücken der Hauptfigur spielen. Mit der hier dargestellten Unsicherheit und Unschuld der wunderschönen Elle Fanning, die den Zuschauer genau in dem Moment verstört zurücklässt, wenn er sie gerade ein bisschen zu lieben lernt. Denn schlagartig kann aus der unsicheren, liebevollen Unschuld die pure Arroganz werden, die wir beinahe kaum wiedererkennen können – im Verhalten, wie auch in der Optik. Und uns ebenso verwundert zurücklässt, wie ihren Freund.

Verstörung des Publikums
Spätestens ab der zweiten Hälfte kommt „The Neon Demon“ dann richtig in Fahrt, wenn er seine Fremdartigkeit und Verstörung ein bisschen auf die Spitze treibt. Obwohl der Streifen über lange Zeit darauf verzichtet, besonders viel Action und Gewalt einzubauen, so sind doch die wenigen sehr bewusst und dezent eingesetzten Schockmomente mitunter zerstreuender, als wir das in den heftigsten Horrorfilmen gewohnt sind. Genau dann, wenn wir nicht damit rechnen, gelingt es Regisseur Nicolas Winding Refn, uns mit Tabubrüchen geradezu entsetzt vor dem Bildschirm erstarren zu lassen. Dabei schreckt er nicht einmal davor zurück, Szenen der Nekrophilie in seinen Streifen einzubauen und die geschändete Leiche nackt und unzensiert in Komplettaufnahme zu zeigen. Nicht weniger verstörend allerdings, wenn eines der Models plötzlich einen Augapfel erbricht und ihre Kollegin diesen darauf kurzerhand verspeist. Nach diesen Szenen sind selbst die sonderbarsten und langatmigsten Momente der ersten Hälfte schnell vergessen und die Faszination beim Publikum breitet sich auf eine makabre Art rasant aus.

Fazit:
Dieser Thriller über das Modelbusiness möchte anders sein und schafft das auch: Mit expressionistischer Kunst, dezenten gezielten Tabubrüchen und einem Spiel mit der Unsicherheit gehört „The Neon Demon“ zu den ausdrucksstärksten, wenn aber auch andersartigsten Filmen des Jahres.

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