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Sherlock – Staffel 4


Sherlock – Staffel 4

Land/Jahr:
GB 2017
Genre:
Serie / Krimi
Regie:
Rachel Talalay
Nick Hurran
Benjamin Caron
Darsteller:
Benedict Cumberbatch
Martin Freeman
Andrew Scott
FSK:
ab 12 Jahren
Dauer:
270 Minuten
Kaufstart:
12. Juni 2017
Label:
Polyband



Kurz nachdem sich Sherlock Holmes’ Erzfeind Moriarty selbst das Leben nahm, scheint der Schrecken noch längst nicht vorbei zu sein. Sherlock ist sich nämlich sicher: Irgendwie muss sein Widersacher es geschafft haben, ihm postmortem noch einen Streich zu spielen – oder es doch geschafft haben, zu überleben. Das vermeintliche Spiel gegen Moriarty lässt aber bisher noch lange auf sich warten, denn auch sein neuester Fall um das Verschwinden einiger Statuen hat offenbar einen anderen Ursprung. Sherlock ist somit schnell intellektuell unterfordert und findet weder in seinen Fällen die erhoffte Erfüllung, noch in der Aufgabe, Taufpate des Kindes seines Freundes Watson zu werden. Dumm nur, dass das bei Sherlock zwangsläufig einen Rückfall in seine alte Drogensucht zur Folge hat, wenn sich der hochfunktionale Soziopath mit seinem brillanten Intellekt zu langweilen beginnt…

Kritik:
Das Krimigenre scheint – wenn man den deutschen Fernsehsendern glauben schenken mag – wohl das beliebteste Genre der Deutschen zu sein. Und doch ist das deutsche Publikum schon seit vielen Jahren eher eintönige Produktionen gewohnt. Dass es auch anders geht, beweisen die Briten vom BBC mittlerweile in der vierten (und vorerst letzten) Staffel, in dem sie erneut intelligente Geschichten mit gekonntem Nerd-Humor verbinden.

Der hochfunktionale Soziopath
Ein bisschen verwunderlich mag es dabei sicherlich sein, dass der großartige Benedict Cumberbatch, der sich mittlerweile zum gefragten und talentierten Hollywood-Star gemausert hat, immer noch die Zeit für eine solch vergleichsweise kleine Fernsehproduktion findet. Womöglich ist gerade das auch einer der Gründe, wieso wir in der nächsten Zeit wohl auf „Sherlock“ verzichten müssen. Und doch hat die britische Serie beinahe mehr Fans, als so manche große amerikanische Kinoproduktion, denn hinsichtlich der Qualität braucht sich die Serie sicherlich nicht zu verstecken. Dass sie dabei so gut funktioniert, haben wir allerdings hauptsächlich den beiden Hauptdarstellern zu verdanken: Benedict Cumberbatch und Martin Freeman tragen die Serie mit ihrer erstklassigen schauspielerischen Leistung. Wobei vor allem Cumberbatch als hochfunktionaler Soziopath mit seinem eigenwilligen, intelligenten Charakter da hervorsticht.

Intelligenz durch Verwirrung
Bereits in der ersten der drei Folgen in Spielfilmlänge sehen wir dann auch erneut, was die Krimiserie nun eigentlich ausmacht. Man muss bei den einzelnen Folgen häufig nämlich ein wenig mitdenken, um auf die Lösungen der Geschichten zu kommen. Wobei aufmerksame Zuschauer sich eingestehen müssen: Nicht alle Schlussfolgerungen des hochintelligenten Sherlock Holmes sind hier immer schlüssig. Manchmal, so scheint es, zieht er sich die Zusammenhänge offenbar doch nur aus der Nase, um auf das Publikum möglichst intelligent zu wirken. Die tatsächliche Lösung des Falls wirkt dabei mitunter eher zufällig. Vor allem in „Die sechs Thatchers“ kann man das recht schnell feststellen. Und doch hat selbst diese Folge damit sicherlich ihren Wiedersehwert: Hat man die Lösung am Ende erst einmal erfahren, kann eine zweite Sichtung tatsächlich ein neues Erlebnis sein, wenn man dann schließlich gezielt auf die wichtigen Schlüsselszenen achtet. Oder wie Sherlock die Erstsichtung nennen würde: „Du siehst, nimmst aber nicht wahr“. In diesen Details liegt auch der Erfolg der Serie.

Sherlock auf Drogen
Dass es sich übrigens keineswegs um einen klassischen Sherlock Holmes handelt, dürfte auch spätestens bei der zweiten Episode einmal mehr klar werden. Benedict Cumberbatch spielt Sherlock schließlich als mitunter humorvollen Drogenjunkie, der seine intellektuelle Unterforderung mit dem Spritzen von chemischen Drogen zu kompensieren versucht. Obwohl das einerseits wie Drogenverherrlichung erscheinen mag, ist das für den Zuschauer extrem unterhaltsam, denn der hochfunktionale Soziopath, der sonst kaum zu emotionalen Regungen in der Lage ist, entpuppt in gerade diesen Momenten seinen genialen Humor – ein Punkt mehr, bei dem Cumberbatch sein Talent offenbart. Der richtet sich derweil mit seinem sarkastisch-schwarzen Humor auch ein bisschen an die Nerds, wenn er seine atheistischen Standpunkte mit ausschweifenden treffenden Bemerkungen zum Besten gibt oder mit schnippigen Bemerkungen seine Unfähigkeit bei sozialen Interaktionen zum Ausdruck bringt. Aber auch hier wird noch einmal sichtbar, wieso gerade die Figuren diese Serie so sehr tragen und wie gekonnt Cumberbatch den Spagat zwischen schräger Intelligenzbestie und verrücktem Drogenjunkie meistern kann.

Psychologie und Mystery
In der dritten und letzten Folge kann die vierte Staffel von „Sherlock“ ihre Qualitäten dann aber auch mindestens halten, obwohl man ein wenig von der klassischen Erzählweise abweicht. Stattdessen wagt man sich an einen gewissen Mystery-Anteil, in dem man eine eher übernatürliche Handlung einbaut. Im Mittelpunkt steht dabei die Psychologie, bei der es Personen gelingt, ihre Mitmenschen zu einer veränderten Realitätswahrnehmung zu bewegen, die sich auch auf die Sichtbarkeit von realen Objekten auswirken kann. Das fügt sich nach Sherlocks Drogenkonsum und anderen bereits vorhandenen imaginären Vorstellungen perfekt ein und kann damit gar für Verwirrung beim Zuschauer sorgen, der darüber rätseln darf, ob es sich einmal mehr um einen Rausch von Sherlock handeln mag, oder um echte Manipulation. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass wir einen alten Bekannten ebenfalls noch einmal wieder sehen können. Das Schöne übrigens: Die vierte Staffel von „Sherlock“ endet angesichts der noch ungewissen Fortsetzung der Serie glücklicherweise ohne einen Cliffhanger. Damit bleibt die Serie ein Muss für Genrefans.

Fazit:
Die beliebte britische Krimireihe überzeugt auch beim vierten Mal wieder mit seinem hochfunktionalen Soziopathen, äußerst intelligenten Geschichten zum Mitdenken und dem gekonnt „nerdigen“ Humor.

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