Paradies: Liebe - Kritik – Virtual DVD Magazine
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    Paradies: Liebe

    Paradies: Liebe


    Land/Jahr:
    A / D / F 2012
    Genre:
    Drama
    Regie:
    Ulrich Seidl
    Darsteller:
    Margarete Tiesel
    Peter Kazungu
    Inge Maux
    Dunja Sowinetz
    Maria Hofstätter
    FSK:
    ab 16 Jahren
    Dauer:
    121 Minuten
    Kaufstart:
    30. August 2013
    Label:
    Neue Visionen



    Die 50-jährige Teresa ist alleinerziehende Mutter und hatte schon lange keinen festen Partner mehr. Nichts wünscht sie sich mehr, als endlich wieder von den Männern begehrt zu werden und sich selbst attraktiv zu fühlen, doch ihr körperliches Verfallsdatum scheint längst abgelaufen. In ihrem Alter ist das Selbstwertgefühl längst abhanden gekommen und an Liebe längst nicht mehr zu denken. Gerade deshalb beschließt sie, endlich eine Auszeit von ihrem öden, ungeliebten Alltag zu nehmen und all ihre Sorgen in einem Urlaub in Afrika endlich zu vergessen. Gemeinsam mit drei Freundinnen will sie die dortige Zeit am Strand so sehr genießen, wie nur irgendwie möglich. Das gelingt auch recht gut, denn die jungen schwarzen Beachboys bieten den älteren Damen schnell ihre Dienste an. Teresa fühlt sich plötzlich wieder begehrt und denkt sogar, die afrikanischen Männer würden sie trotz ihres Alters so lieben, wie sie ist. Dumm nur, dass die Illusion der wahren Liebe schon bald verfällt und Teresa doch nur ein Teil der ökonomischen Kette ist, in der es nur darum geht, die weißen Touristinnen finanziell auszunehmen…

    Kritik:
    Nachdem die aus dem Kino bekannte „Paradies“-Trilogie von Ulrich Seidl erstmals auf diversen Filmfestivals gezeigt wurde, wurde viel über die ungewöhnliche Geschichte des Films diskutiert. Der österreichische Regisseur versucht schließlich ganz normale Menschen aufzunehmen und sie so natürlich zu zeigen, als befänden sie sich im gewöhnlichen Alltag. Doch er räumt zugleich mit zahlreichen Klischees auf und dreht so manche verbreitete Annahme einmal völlig um.

    Falsche Schönheitsideale
    Dabei versucht sich „Paradies: Liebe“ an einem überaus sensiblen Thema. Genauer: Sexualität im Alter. Teresa, die Hauptfigur in diesem Film, ist schließlich bereits über die 50 Jahre alt und hat als alleinerziehende Mutter nicht gerade den perfekten Körper. Falten, Übergewicht, Hängetitten und viele andere Makel machen ihr zu schaffen und mindern ihr Selbstwertgefühl rapide. Doch da ist diese Hoffnung nach Liebe, diese Illusion vom Paradies in Afrika, in der jeder Mensch so akzeptiert wird, wie er selbst eigentlich ist. Unabhängig vom Alter und Aussehen, bekommt die Frau dort die wahre Liebe vorgegaukelt und erfreut sich schon bald an der neuen Begehrtheit. Es wird zur Sucht nach Anerkennung, nach Selbstwertgefühl, nach neuer Sexualität – doch ist es auch der Weg in den Sextourismus. Einer ungewöhnlichen Form des Sextourismus, während Ulrich Seidl einfühlsam mit Schönheitsidealen aufräumt und es schafft, selbst 50-jährige Frauen immer noch von einer einigermaßen hübschen Perspektive zu zeigen.

    Die Frau, der Sextourist
    Gleichzeitig räumt der Regisseur jedoch auch mit dem üblichen Klischee des Sextourismus auf. Die meisten Menschen, vor allem hier in Deutschland, kennen die Geschichten von wohlhabenden Männern, die ins Ausland verreisen, um dort gegen Bares die einheimischen Frauen in die Kiste zu kriegen, nur zu gut. Kein Wunder, sind es doch auch hierzulande eher die Frauen, die durch Prostitution einen entsprechenden Erfolg haben können. Doch „Paradies: Liebe“ dreht den Spieß um: Hier sind es männliche Prostituierte, die den älteren weiblichen Damen einmal wieder das Gefühl geben, so richtig begehrt zu sein. Und es sind die Frauen, die für den Sex bezahlen – wenngleich auch in der Hoffnung, auf wahre Gefühle zu stoßen. Dabei wird zugleich aber auch deutlich, welche gesellschaftlichen Formen das ferne Afrika hinter sich hat und wie das Verhältnis zwischen Schwarzen und Weißen noch heute ist.

    Die Folgen der Apartheid
    Der kontroverse Rollentausch zwischen Prostituierten und ihren Kundinnen kommt schließlich nicht von irgendwo. Es ist nur allzu deutlich eine späte Folge der damaligen Apartheid, in der die Weißen letztendlich den Schwarzen stets überlegen waren. Fast schon sinnbildlich ist da, wie die weißen Touristinnen auf ihren Liegestühlen am Strand liegen und die Sonne genießen, während die schwarzen Einheimischen hinter einem Seil starrend darauf warten, den älteren Damen ihre Dienste anzubieten. Dazwischen: Ein Soldat, der entlang dem Seil patrouilliert und die Einheimischen davon abhält, die Frauen auf der anderen Seite des Seiles zu belästigen. Es ist noch immer ein deutliches Zeichen für die Apartheid und eine Verdeutlichung der finanziellen Schere zwischen wohlhabenden Weißen und armen Schwarzen. So auch in den folgenden Szenen, in denen wir den Kontrast zwischen schickem Hotel und heruntergekommenem Dorf, oder wohlhabenden Urlaub und finanzieller Not mehr als offensichtlich erkennen. Da schafft es Ulrich Seidl auch ohne erhobenen Zeigefinger, die gesellschaftlichen Probleme anzuprangern und lässt den Zuschauer ein wenig selbst denken.

    Die Unbeholfenheit einer neuen Liebe
    Da kann man es im späteren Verlauf, wenn „Paradies: Liebe“ zunehmend immer mehr Tiefgang und versteckte Inhalte erhält sogar verschmerzen, dass der Film doch zunächst so schleppend und banal anfängt. Menschen werden in ihrem Alltag gezeigt – bei belanglosen Unterhaltungen, beim Essen oder bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Tochter. Es wirkt so natürlich und doch zu Beginn so inhaltlos. Dass sich dahinter später eine so tiefgehende Story verbirgt, wäre wohl niemandem zunächst bewusst gewesen. Trotzdem ist das Drama nun nicht gerade ein Film für die Masse. Es ist kein Popcorn-Kino, kein hochemotionaler Unterhaltungsfilm – aber es ist ein intelligenter Film, der zum Nachdenken anregt und animiert, zwischen den Zeilen zu lesen. Hervorragend gespielt von Margarete Tiesel noch dazu, die unter Beweis stellt, dass jede neue Liebe etwas besonderes ist und man selbst mit über 50 Jahren noch neue Erfahrungen machen kann. Die eine solche Natürlichkeit darstellt, dass selbst erfahrene Frauen und prostituierende Männer fast schon unerfahren und unbeholfen wirken, wenn sie ihre ersten Annährungsversuche machen. „Paradies: Liebe“ macht die Liebe zu etwas besonderem und verdeutlicht das Fremde, Unbekannte und Unerreichbare noch dazu durch zweisprachige Dialoge, welche die Verständigungsprobleme zwischen Touristen und Einheimischen intensivieren. Etwas so unglaublich realitätsnahes bekommt man definitiv selten zu sehen.

    Fazit:
    Sextourismus mal anders: Der österreichische Regisseur Ulrich Seidl erzählt von älteren Frauen mit mangelnden Selbstwertgefühlen und gänzlich umgedrehten Geschlechterrollen im Business des Sextourismus. Einfühlsam, sensibel, extrem natürlich – und mit unglaublich viel Tiefgang. Dennoch kein Film für die große Masse.